Freie Presse 11.12.07

Mehr Förderung von Eigeninitiative verlangt

Dokumentation "Neuland" zeigt Realität in Ostdeutschland - Rege Diskussion bei Veranstaltung im Müllerhof Mittweida

Mittweida. Die aktuelle Situation in Ostdeutschland: Schonungslos offenbart und dennoch irgendwie auch Mut machend, verbunden mit einem kritischen Unterton, der zum Nachdenken anregt. So lässt sich in knappen Sätzen zusammenfassen, was die Zuschauer am Wochenende im Müllerhof Mittweida erlebten. Dort stellte der Regisseur Holger Lauinger den Dokumentarfilm "Neuland" vor, den er zusammen mit Daniel Kunle produziert hat. Angeprangert wird darin zum Beispiel die Verschwendung von Fördermitteln. Für Diskussionsstoff hat aber auch der Ideenreichtum der Protagonisten, mit dem sie ihre Region stärken wollen, gesorgt. Dieser reichte von der Gründung einer Buffalo-Ranch im sächsischen Neukieritzsch für die Versorgung der umliegenden Restaurants, über zwei Studenten, die im Vogtland eine Schneckenzucht aufgebaut haben, um diese ebenfalls an Restaurants zu verkaufen, bis hin zum Bestreben eines Bauern, sein Dorf energetisch unabhängig zu machen. So unterschiedlich diese Ideen sind, eines haben sie gemeinsam: Sie sind geprägt durch die Eigeninitiative jedes Einzelnen.

"Wenn einer anfängt, ziehen alle nach", meinte daraufhin Elisabeth Schwerin, Initiatorin des Hauses Müllerhof. Dass das aber nicht einfach ist, erklärte Steffen Richter. "Wir, die hier sitzen, bekommen doch keine Unterstützung", machte sich der Chemnitzer Luft. Die Politik fördere mit Unmengen an Steuergeldern eher große Projekte, die darauf aufgebaut seien, Geld abzufassen statt einen langfristigen Erfolg zu erzielen. Der kleine Mann bekomme nichts. "Der Staat muss einen Rahmen vorgegeben, so dass jeder Eigeninitiative ergreifen und auch experimentieren kann, selbst wenn man Gefahr läuft, zu scheitern", forderte Dan Fehlberg, Kreissprecher des Grünen-Kreisverbandes aus Königshain. Man solle aber nicht vergessen, dass es in Mittweida auch viele positive Dinge gebe, betonte Elisabeth Schwerin. "Unsere Stadtverschuldung ist zum Beispiel sehr gering." Zudem stünden ausreichend Kindergarten-, Kinderkrippen- und Hortplätze zur Verfügung. Etwas mehr als 20 Zuschauer schauten sich den Film an, der nach Holger Lauinger jedoch nicht die Gesamtsituation in Ostdeutschland widerspiegelt. "Ich habe den Film schon vor 350 Leuten gezeigt aber auch nur vor zwei Interessierten. In der Qualität der Diskussion gibt es kaum Unterschiede", berichtete Lauinger. Manchmal sei es sogar so, dass die Leute weniger reden, wenn mehr Zuschauer da sind, vielleicht weil sie dadurch gehemmter seien.

Trotz der relativ geringen Resonanz war er daher nicht enttäuscht. Denn die Diskussion sei gut gewesen. Bereits seit März tourt der Berliner mit diesem Film durch Deutschland. Auch in den westlichen Bundesländern war er damit bereits unterwegs. "Es ist schwieriger, dort einen Termin zu bekommen, aber wenn man es einmal geschafft hat, ist das Interesse groß", sagte Lauinger. Ob es eine Fortsetzung des Filmes gibt, weiß er noch nicht, doch könne er sich eine ähnliche Dokumentation für die alten Bundesländer vorstellen.

Von Steffi Parton