Südthüringer Zeitung 5.12.07

Schneckenzucht als Hoffnungsträger
Film und Diskussion zu „Neuland wagen – Regionen zwischen Abbruch und Aufbruch“
EisenachNein, blühende Landschaften sind das nicht, die da zu sehen sind. Stattdessen Wüsteneien und Ruinen. Trostlosigkeit und Leere. Sieht aus wie eine Kriegslandschaft, ist aber keine. Sondern Ostdeutschland im Frieden, 18 Jahre nach der Revolution. „Eine Reise durch Regionen zwischen Abbruch und Aufbruch“ haben Daniel Kunle und Holger Lauinger ihren Dokumentarfilm „Neuland“ untertitelt. Was bereits verrät, dass auf die schrecklichen Anfangsbilder andere folgen. Aber zunächst müssen die Besucher der Veranstaltung der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Eisenacher Capitol das Grauen ertragen. Rainer Land vom Netzwerk Ostdeutschlandforschung fasst es in Worte: „Wir sind mit dem Niedergang ganzer Regionen konfrontiert“, bestätigt er, was die Bilder zeigen. Und erinnert daran, dass selbst der Bundespräsident das Grundgesetz infrage stellt, indem nicht mehr alle Regionen gleichwertig gefördert werden sollen. „Das Wachstum konzentriert sich auf Knotenpunkte, dazwischen bleiben Standorte mit überflüssigen Menschen.“

Diese Menschen nennen sich bereits „Die Überflüssigen“ und organisieren Demonstrationen. „Wir wollen die Arbeitslosigkeit sichtbar machen“, erklärt ein Initiator der Aktion. Er will den Menschen die Angst vor Stigmatisierung nehmen und sie auffordern, offensiv mit ihrem Schicksal umzugehen. „Ihr werdet euch wundern, wie viele wir sind“, sagt der Arbeitslose und schüttelt empört den Kopf, als ein CDU-Politiker von Arbeit und Wachstum predigt. In zehn Städten gibt es Überflüssigen-Aktionen, selbst nach Bayern werden T-Shirts verschickt.

Weiter geht es in den Oderbruch in Orte mit Arbeitslosenzahlen von 30 Prozent. Nach Wurzen, wo rechtsradikale Denkweisen eher Regel statt Ausnahme sind. Zu Jugendlichen, die inmitten von Abrisshäusern fragen „Wie soll das weitergehen?“. Nach Weißenfels, wo ein Ladenbesitzer bekennt: „So richtig lustig ist hier keiner“. Zu einem Architekten, der simuliert, wie seine Stadt geschrumpft aussieht. Dazu Fotos von Zwangsvollstreckungen und Beispiele misslungener Förderung.

So weit der Abbruch. Der Aufbruch wird zunächst theoretisch kommentiert. Ein Soziologe fordert, dass Menschen nicht mehr für eine Arbeitsgesellschaft vorbereitet werden dürfen, die es so gar nicht mehr gibt. Dass wir „grundsätzlich umdenken müssen“, um selbstbewusste Bürger zu bekommen statt einer Gesellschaft von Leere und Langeweile. Rainer Land stellt klar, dass Gelder nicht nach Einwohnerzahlen verteilt werden dürfen, sondern gerade die ausblutenden Regionen mehr für Jugend- und Kulturarbeit brauchen. Dass ein Umbruch ein „Such- und Experimentierprozess“ sein kann, in dem ökologische, soziale und wirtschaftliche Belange zusammengeführt werden. Auch er fordert das Stärken der Initiative der Menschen für eine „neue Zivilgesellschaft“.

Wie die aussehen kann, zeigen praktische Beispiele. Das „Netzwerk für Demokratische Kultur“ engagiert sich trotz Anschlägen und Ignoranz gegen Rechtsextremismus. Zwei Männer wollen ihre Existenz mit Schneckenzucht sichern. Ein Landwirt lässt Bisons auf Nach-Tagebau-Böden weiden. Der Bürgermeister im Oderbruch will „jede Sorte Kolonisten“ in seinen Ort locken. Die Kinobetreiberin möchte nicht die Pornoabteilung vergrößern, sondern mehr Niveau anbieten. In die Puppenfabrik in Waltershausen zieht eine Kommune ein. Das Ökodorf Siebenlinden soll ein Vorzeigebeispiel werden. Ein Rechtsanwalt will mit dem Urstromtaler die regionale Wirtschaft stärken. Und in Varchentin sollen nicht mehr die Konzerne das Geld mit Energie verdienen, sondern die Menschen vor Ort.

Da ist tatsächlich Aufbruchstimmung zu spüren, da verlieren die Anfangsbilder von ihrem Schrecken, da gibt es Hoffnungsschimmer. „Wir wollen Mut machen“, erklärt Filmemacher Lauinger in der Podiumsdiskussion seinen Ansporn für den Film. Wobei er klarstellt, dass hier keine Allgemeinrezepte zu sehen waren.

Die kann es auch gar nicht geben, sagt Prof. Peter Sedlacek von der Universität Jena. Weil er keine allgemeine Regel dafür sieht, wann eine Region ausblutet oder prosperiert. Stadt und Land können betroffen sein, Ost und West. Einzig das „Humankapital vor Ort“ macht er als Kennzeichen aus: „Wo es pfiffige, aktive Leute gibt, passiert was“. Je schwieriger die wirtschaftliche Lage, umso erfinderischer müssen die Menschen sein, bestätigt Peter Hettlich, Sprecher der AG Ost der Grünen-Bundestagsfraktion. Er wünscht sich mehr Autonomie für untere Ebenen einschließlich des Risikos, „dass dann mal Mist gebaut wird“. Seine Kollegin Britta Hasselmann ruft dazu auf, Grenzen anzutesten. Auch mit Sicht auf die Bürokratie, die an diesem Abend mehrfach kritisiert wird. Die Eise-nacher Baudezernentin Gisela Rexrodt fühlt sich dadurch ermutigt, Gesetze in Frage zu stellen und unkonventionell zu reagieren.

Auch die anderen Kinobesucher diskutieren eifrig mit. So wird auf das künftige Fehlen von Fachkräften aufmerksam gemacht. Leiharbeit soll eingeschränkt, Ausbildung ausgeweitet, der Lohn im Osten erhöht werden. Mit „Was nützt ein Spitzengehalt in Hoyerswerda“ unterstreicht Hettlich den gleichzeitig nötigen Erhalt weicher Standortfaktoren. Mehrfach wird betont, dass der drohende Niedergang ganzer Regionen kein ostdeutsches Problem ist, sondern im Westen genauso zu beobachten ist. Mehrfach heißt es, dass darin eine Chance gesehen werden muss. Die Botschaft: Nicht auf den Staat warten, sondern selbst aktiv werden. Damit auf den Abbruch ein Aufbruch folgt.

Von Susanne Sobko