Harzer Volksstimme, 20.10.2007

„Neuland“ – Film hat sein Ziel erreicht:

Nachdenken über das veränderte Leben im Osten

Wernigerode. „Neuland“ löst unterschiedliche Reaktionen aus. Der Film von Daniel Kunle und Holger Lauinger wirft einen Blick auf den Osten Deutschlands auf trostlose, ausblutende Regionen. Auf die Verlierer, die Überflüssigen. Und die schrägen hoffnungsvollen anpackenden Typen, die sich hier finden lassen. „Wir werden Wüstungen bekommen, keine Frage“, sagt der bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Peter Hettlich, der die Wernigeroder eingeladen hatte, um über den Film zu diskutieren. Diese Zuversicht hat Peter Hettlich nicht erst seit er den Film, der verlassene Bahnhöfe, Modelle halb abgerissener Ortschaften, Straßenzüge mit leeren Häusern, ungenutzte Industriebauten zeigt, gesehen hat. „Aber das ist eigentlich normal.“ Wüstungen, also aufgegebene Orte, das hat es immer gegeben in der Geschichte. Es ist ein schleichender Prozess. Nur zurzeit ist er in Deutschland noch kaum vorstellbar, „so dicht besiedelt wie heute war Deutschland noch nie“, sagt der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Ost der Bündnisgrünen.

Im großen Hörsaal der Hochschule Harz hatten rund 60 interessierte Gäste den Film „Neuland“ gesehen. „Der bedient alle Klischees vom Osten, alle negativen Bilder“, sagte anschließend Benedikt Peltner. Der Vertreter vom Ring Christdemokratischer Studenten saß mit mit im Podium, in dem debattiert wurde. Neben Peltner und Hettlich hatten dort auch der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Rainer Neugebauer und Filmemacher Holger Lauinger Platz genommen. Die etwas depressive Stimmung, die sich im ersten Teil des Films widerspiegelt, hat Lauinger selbst erlebt beim Drehen. Aber auch da, sagt der Berliner, hat sich gezeigt, die Menschen geben nicht auf. „Wenn sie sich ihrer Situation bewusst werden, ihrer Stigmatisierung wie Michael Maurer von der „Überflüssigen-Initiative“, haben sie schon einen wichtigen Schritt getan. Dass die Situation ganz neue Freiräume ermöglicht, hat Rainer Neugebauer selbst erlebt. Dabei ist es wichtig, dass die Menschen vor Ort sich ihrer Situation stellen, die Probleme benennen und aktiv werden. Dazu gehören auch kleine, scheinbar schräge Ideen. „Aber nur aus einer Vielzahl von Aktionen entsteht Bewegung, die auch Veränderung bewirkt.“ Ist der Halberstädter Wissenschaftler überzeugt, der selbst in der Bürgerbewegung aktiv ist.

Kunle und Lauinger haben keinen analytischen Film über die Entwicklung des Ostens nach der Wende gedreht – darüber gibt ausreichend Literatur, wie Hettlich auf eine Kritik aus dem Publikum äußerte. „Neuland“ ist eine Begegnung mit Menschen, die in ganz neue Richtungen denken, die neue Lebensentwürfe ausprobieren. „Die sind nicht massenkompatibel“, gibt Filmemacher Lauinger zu. Aber in ihrer erstaunlichen Vielfalt sind sie dennoch Anlass zur Hoffnung. Ob nun das Leben in einer Kommune, um den sich ändernden demografischen Bedingungen zu begegnen, on erneuerbare Energie als Einnahmequelle für Dörfer, ob regionale Geldkreisläufe oder kleine Gesetzesüberschreitungen, um als Unternehmer überhaupt anfangen zu können – der Film lebt von den Visionen der Protagonisten. Mit ruhigen Bildern, langen Monologsequenzen, kein Kinostreifen zur Unterhaltung. Aber die Anstrengung ihn zu sehen, lohnt sich. Jedenfalls zeigten die Fragen, wenn auch recht verhalten, dass der Film sein Ziel erreicht – das Nachdenken über die veränderten Lebensbedingungen im Osten, über illusions-, aber nicht hoffnungslose Betrachtung dessen, was auch hier zu unserem Alltag gehört.

Sabine Scholz