Neue Osnabrücker Zeitung 16.11.2007

Von der Globalisierung abgehängt

Eine Reise durch den Osten

Der Bürgermeister dreht den Blumentopf so, dass die schönsten Blumen nach vorne zeigen, Es soll doch alles ordentlich aussehen, bevor er den Leuten vom Film Einblicke in die Welt von Neulietzegöricke gibt. Das Dorf ist eine Station auf Holger Lauingers und Daniel Kunles „Reise durch Regionen zwischen Abbruch und Aufbruch“.

Eine Reise, die beliebte Ost-Ziele wie Leipzig, Dresden und Rügen links liegen lässt. Stattdessen führt sie mitten hinein in eine Welt, die von der Globalisierung längst abgehängt und vom Wirtschaftsaufschwung vergessen wurde.

So wie Neulietzegöricke das Dorf im Oderbruch, das Kolonisten vor 200 Jahren auf Einladung des Alten Fritz gegründet haben. Weil er ihnen Steuer-, Glauben-, und auch sonst viel Freiheit versprochen hatte. Der Alte Fritz ist das Vorbild des Bürgermeisters. „Kolonisten gesucht!“ – mit diesem Spruch versucht er auch im Jahr 2007, neue solvente Bewohner von außerhalb für sein aussterbendes Örtchen zu gewinnen. Denn die Jungen gehen weg, von den Verbleibenden sind 30 Prozent ohne Arbeit. Einzige vage Hoffnung der Tourismus.

Die passenden Bilder zur Situation in dieser Region finden sich überall: Stillgelegte Bahnhöfe, graue scheinbar unbewohnte Dörfer und fensterlose Industrieruinen fangen die Filmemacher ein. Und wo immer sie gerade ankommen, hören sie den Menschen zu – ohne dabei auf griffige Parolen zum Untergang des Ostens aus zu sein. Hinter den nachdenklichen Äußerungen werden Geschichten und wird Geschichte spürbar.

Der Film begnügt sich aber nicht damit die Tristesse einer verschwindenden Welt aufzuzeigen. Er sucht und findet Menschen, die die Leerräume ihrer Umgebung nutzen, die aus dem Nichts etwas neues entstehen lassen wollen. Wie Michael Maurer in Jüterbog, der sich mit seiner Initiative „Die Überflüssigen“ Arbeitslosen ihre eigene Wertschätzung zurückgeben will. Oder Hajo Schubert, der mit seiner Erlebnis-Brauerei im stillgelegten Kraftwerk Plessa für den Ort einen vielleicht rettenden Impuls plant.

„Neuland“ nähert sich mit Respekt, leisem Humor und ohne Sensationsgier einem Teil der deutschen Realität, den zu ignorieren hier im Westen viel zu einfach ist.

 Anne Diekhoff