Nordkurier am 19.11.2007

Aufbruch gegen den Trend ins Ghetto

Gnoien. Ein stillgelegter Bahnhof, verwaiste Betriebe, leerstehende Wohnungen – sichtbare Zeichen eines Schicksals, das Gnoien mit dutzend und aber dutzend anderer Städte Ostdeutschlands teilt. Die Stadt an der Warbel ist wahrlich kein Wachstumsknoten im globalen Netz, die Region droht abzukoppeln von der allgemeinen Entwicklung. Diese Diagnose, die am Freitagabend auf dem Forum „Gnoien 2020“ im Rathaus exemplarisch sichtbar gemacht wurde, bestimmt schon lange subtil die Wahrnehmung der Bevölkerung. Anliegen des Forums war es deshalb, einem solchen Trend alternative Ideen entgegenstellen und lebenswerte Perspektiven aufzeigen.

Dieses hoch gesteckte Vorhaben kam über einen Ansatz nicht hinaus. Sechs Frauen und sechs Männer – mehr Gnoiener waren der Einladung nicht gefolgt, aus dem Umland gar hatte sich niemand eingefunden – erreichen offenbar nicht die kritische Masse, die für einen erfolgversprechenden Start erforderlich ist. Von einer Bruchlandung wollte indes niemand unter den Teilnehmern sprechen. Dazu hatte es doch zu viele Anregungen und Impulse gegeben. Die kamen vor allem von Stephan Beetz von der Humboldt-Universität Berlin und Holger Lauinger, der seinen Film „Neuland“ zeigte. Ihr genereller Ansatzpunkt lautet: Das Jammern über den Niedergang und die Angst vor einer bedrohlichen Zukunft überwinden und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. So pädagogisch diese Botschaft klingt, so unpretentiös wurde sie vermittelt und keineswegs von einer belehrenden Warte. Ganz im Gegenteil. Zur Diskussion gestellt wurden Beispiele aus einem halben Dutzend Orte im Osten Deutschlands, wo Menschen genau nach dieser Devise handeln: arbeitslose Betriebswirtschaftler, die eine Schneckenfarm aufbauen, eine Dorfgemeinschaft, die ein stillgelegtes Kraftwerk zu einer Schau-Brauerei umbaut, Leute, die eine verwaiste Puppenfabrik zu einer Wohn-Kommune umgestalten. „Das alles sind keine Patentrezepte, können aber Anregung sein, über Möglichkeiten für eigene Projekte nachzudenken“, betonte Holger Lauinger. Der nicht verhehlte, dass die meisten seiner Protagonisten sich mittlerweile durchaus erfolgreich behaupten.

Und so sieht Bürgermeister Hans-Georg Schörner denn den Auftakt auch keineswegs als gescheitert an. Wenn die für Sonnabend geplante Debatte in einer „Zukunftswerkstatt“ auch abgesetzt wurde, zu den Akten gelegt sei sie damit nicht. Zuversichtlich stimme ihn, so Schörner, dass neben den Schulen alle Träger der sozialen Arbeit in der Stadt zugegen sind. „Wir werden unsere Anstrengung darauf richten, über diese Multiplikatoren in die Breite zu kommen, der Idee mehr Zeit geben und im Frühjahr 2008 zur Zukunftswerkstatt einladen.“

Eberhard Rogmann