Westfälischer Anzeiger 16.11.2007

Die Mutigen

Fernsehen.. Ein hellsichtiger Doku-Film zeigt, was im Osten passiert: „Neuland“

Wer hat eigentlich am 18. Geburtstag der deutschen Einheit die Korken knallen lassen? Herr Hartmann aus dem „Harz 4 Laden“ in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) zählte nicht dazu. Er kommt in der Dokumentation „Neuland“ zu Wort, die Daniel Kunle und Holger Lauinger gedreht haben. „So richtig lustig ist keiner“, sagt Hartmann. Die Filmemacher zeigen wie der Industriestandort Reichenbach (Vogtland) schrumpfte. Eine digitalisierte Modellstadt verliert seine Gebäude. Die Leere bleibt. Aber nicht in allen Köpfen.

Der Doku-Film „Neuland“ den der TV-Sender PHOENIX ausstrahlt, bedient sich nicht das Wessi-Klischee vom jammernden Ossi. Die Filmemacher reisen durch „Regionen zwischen Abbruch und Aufbruch“, so der Untertitel. Sie zeigen ländliche Räume. Nicht Leipzig oder Dresden. Bürgermeister Horst Wilke aus Neulietzegöricke wirbt „Kolonisten“, wie einst Friedrich der Große. Damals musste das karge Preußen bevölkert werden. Heute wünscht sich Wilke die gleichen Maßnahmen vom Staat, wie sie einst der Alte Fritz sie vormachte. Steuerfreiheit für Wagemutige. Aber der Bürokratismus sei heute ein Problem, der eine Behörde hinzuziehen muss, wenn er an einer Straße eine Hecke schneiden will. Sein Dorf ist offen für Neuankömmlinge und Touristen. Es gibt auch andere Dörfer, dort, wo Neonazis und Rechtsradikale das politische Vakuum und die fehlende Initiative missbrauchen („braune Dörfer“).

Mehr Zukunft trauen sich Daniel Weller und Danny Hübner zu. Die jungen Männer haben eine Schneckenzucht (Vogtland) aufgemacht. Falk Selka züchtet Bisons in Neukieritzsch. Die Tiere seien genügsam und selbst auf Industriebrachen zu halten. Vom Regierungsbezirk Leipzig wird er nicht gefördert, sagt Selka. Nur wenn er Bisons mit Rinder kreuze. Der Film zeigt kaputte Häuser, farblose Fassaden, leere Landstriche, Ödnis. Es sind Räume, die durch fehlende Politik vom Wirtschaftssystem abgekoppelt werden. „Fragmentierung“ nennt das Rainer Land vom Netzwerk Ostdeutschlandforschung. Nur Städte wie Jena, Zwickau und Dresden prosperieren. Und im Westen würden Bremen und das Ruhrgebiet abgehängt. Für den Wissenschaftler ist das ein globales Problem, nicht ein Ostdeutsches.

Der Film öffnet einem die Augen und vermittelt, wie Menschen kämpfen. Das Dorf Varchentin (Mecklenburg-Vorpommern) braucht beispielsweise weder Benzin noch Fernwärme. Rapsöl und Holz ist vor Ort. Also machen sich die Dorfbewohner von den Energie-Monopolisten unabhängig. In Güsen am Elbe-Havel-Kanal wird der Urstromtaler, eine alternative Währung für die Produkte aus der Region. Wer hat solche mutigen Ideen im Westen?  PHOENIX 21.45 Uhr

 Achim Lettman