Baumeister B11 2007

Aus der Rubrik: Lesezeichen – Laufende Bilder

Neuland

„Die Überflüssigen“ steht auf den T-Shirts von Michael Mauerer und anderen Arbeitslosen aus Jüterbog, Angermünde, Senftenberg oder Eberswalde. Gähnende Leere anstelle blühender Landschaften in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands zeigt der erste Part des Films „Neuland“ von Daniel Kunle und Holger Lauinger. Kultureinrichtungen schließen, Industriegebiete werden brachgelegt, die Städte schrumpfen. Ob sich der Einzelne seinem Schicksal ergibt und in der Abwanderung seine einzige Perspektive sieht oder ob er in der Not die Chance zum Experimentieren ergreift und vor Ort neue Ideen generiert: Ohne die Entscheidung der Betroffenen zu bewerten oder gar ein Patent-Rezept liefern zu wollen, gelingt es den Filmemachern auf glaubwürdige Weise, Sequenzen einer Gesellschaft zwischen „Abbruch und Aufbruch“ darzustellen.

Welches Potenzial zum Beispiel die Weinbergschnecke in sich birgt, wird sich erst noch zeigen müssen. Eines aber sicher: Danny Hübner und Daniel Weller haben eine Idee, vielleicht eine gute Idee: Auf brachgelegten Flächen züchten sie ihre Vogtlandschnecken, um sie als Delikatesse zu vermarkten. Etwas Selbstironie gehört schon dazu, wenn man eine verrückte Idee für marktfähig hält: „Ganz ehrlich, ich esse lieber ein Steack, aber wem es gefällt…“, so die beiden Schneckenzüchter aus dem Vogtland. Und sollte ihr Konzept nicht aufgehen, greifen sie vielleicht doch auf ein anderes Konzept aus ihrem Ideenpool zurück: Koikarpfen oder Trüffelzucht zum Beispiel.

Auch Frank Jansky aus Güsen hat ein Konzept gegen das Schrumpfen ostdeutscher Städte parat: Er erfindet den Urstromtaler, einen Wertgutschein als Zahlungsmittel „um das Geld in Sachsen-Anhalt zu lassen“ und so gegen die Überschuldung anzugehen. Es gibt sie also wirklich, die kleinen Nischen und die großen Ideen – auch wenn nur vereinzelt und verhalten, aber es gibt sie. Nur Mut!

Tina Freitag