NeulanD 11/07, Attac-Beilage II

Warten auf den Aufschwung?

Perspektiven zwischen Abbruch und Aufbruch

Der wirtschaftliche Aufbauprozess in Ostdeutschland ist seit 1990 in einzelnen Leuchtturmregionen vorangekommen. Nach konservativen Schätzungen der Universität Halle sind zumindest 40 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt zufrieden. Gleichwertige Lebensverhältnisse für die Menschen in der Bundesrepublik sind damit nicht erreicht worden. Vielmehr erscheint es, dass es das grundgesetzliche Ziel auf Gleichwertigkeit nicht mehr gibt.

Besonders der Osten Deutschlands ist von den ökonomischen und sozialen Veränderungen betroffen: Abwanderung, Überalterung, Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, schwache wirtschaftliche Entwicklung, hoch verschuldete Kommunen, um nur einige Stichworte zu nennen, prägen das Bild. Sachsen-Anhalt verliert seit 1998 täglich 77 Menschen. In den anderen östlichen Bundesländern verläuft die Entwicklung ähnlich. Wir lesen und hören von Endsiedlungsprämien, Einstellung des öffentlichen Personen- und Nahverkehrs, Verkauf unseres kommunalen Eigentums und Infrastruktur. Entwicklung und Innovation scheinen in weiten Teilen der Länder blockiert, die Aufbruchstimmung ist in ihr Gegenteil verkehrt. Von dem behaupteten Aufschwung spüren die Menschen wenig. Was ist zu tun angesichts dieser Lage?

Wie können Lebensqualität und Teilhabe an der Gesellschaft sichergestellt und Regionen stabilisiert werden? Ist es denkbar, dass sich in den ostdeutschen Ländern ein tragfähiges Zukunftsmodell entwickelt, das sich nicht in einem Aufholprozess erschöpft, sondern ein der Situation angepasstes nachhaltiges und perspektivisches Modell entsteht? Unter den meisten Akteuren herrscht Konsens darüber, dass es keine allgemeingültigen Lösungen und endgültigen Antworten gibt. Brauchen wir daher nicht andere oder neue Rahmenbedingungen, mehr Mut und Experimentierfreude, um Neues zu denken und probieren zu können und um den Osten wieder attraktiver und liebenswerter zu machen, auf das junge Menschen eine Perspektive nicht nur in der Abwanderung sehen? Um darüber zu beraten, welche Perspektiven sich durch innovative Ansätze und Experimentierfreude der Akteure ergeben, treffen sich gemeinsam mit dem Mitautor des Films "Neuland " Holger Lauinger am 8. November 2007 im Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt in Magdeburg Experten regionaler Entwicklung, Partner aus Kommunen und engagierte Bürger.

Der Film „Neuland“ ist für diese Runde der Einstieg in die Diskussion. Er zeigt Momente der Realität in Ostdeutschland. Mit der Brisanz seines Themas „Wo leben wir eigentlich?“ stellt er Fragen an die Gesellschaft. Die dokumentierten Schritte von Akteuren im Osten geben den Mut, die Brachen mit der Chance für Gestaltung anzufassen. Die Uraufführung des Films beim Filmfestival „Utopisches Flimmern“ in Berlin war überlaufen. Seitdem zieht der Film durch Städte und Gemeinden, gezeigt in Gaststätten, Hotels und Gemeindesälen. Er trifft auf diejenigen, die in Neuland leben. Menschen sind von der Entwicklung berührt. Es ist die Projektion der eigenen Verhältnisse und das sichtbar werden von neuen oder bereits vergessenen bewährten gesellschaftlichen Lebensformen, die den Anstoß geben nachzudenken und in Bewegung zukommen. Beispiele dafür sind gemeinschaftliche Wohn- und Arbeitsformen in Sieben Linden, Waltershausen und Klein Jasedow, Mehrgenerationenhäuser, Eigenproduktion und Selbstversorgung mit Lebensmitteln und Energie (Biomassenutzung) in verschiedenen Höfen und ersten Gemeinden, Erzeuger- und Vermarktungsgemeinschaften, Dorf- und Regionalläden, Freiwilligen Agenturen, Bürgerbus, Bürgersolarstromanlagen, Regiogeld um das Geld vor Ort zu lassen, Firmen, die in regionalen Wertschöpfungsketten kooperieren und einheimische Rohstoffe nutzen, Umfunktionierung von ehemaligen Industrieanlagen in der Lausitz und natürlich Vermittlung von Wissen und Erfahrungen über Elemente einer regionalen, ökologischen und fairen Wirtschaftsweise.

Damit niemand mit seinen Fragen und der Suche nach Partnern alleine bleibt, sondern es zu konkreten Schritten und der Vernetzung zwischen den Akteuren kommt, sind regelmäßige offene Foren zur Kommunalentwicklung wie am 8.November in Magdeburg notwendig.

Mit im Kreis der Gestalter in Magdeburg ist Dr. Babette Scurell vom Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU Berlin. Sie berichtet über den blockierten Wandel in Ostdeutschland. Weiterhin dabei ist Rechtsanwalt Frank Jansky, einer der Protagonisten im "Neuland" und Vorstand des Regiogeld-Verbandes. Mit seiner Veranstaltung setzt das Netzwerk Zukunft Sachsen-Anhalt Zeichen. Alle mit dem Willen zur Gestaltung gehören an einen Tisch, wenn es um die Entwicklung im Osten bzw. in den Regionen geht. Es ist Zeit, Raumpioniere und ihre Experimente zu begleiten. Freiraum für viele zukunftsfähige Wege ist in Neuland genug vorhanden. Wir haben uns die Wege nur selbst zu gestalten.

Annika Pietsch

Weitere Informationen Netzwerk Zukunft e.V. Tel. 0391-5433861

Aus: NeulandD 11/07, Attac-Beilage im Neuen Deutschland vom 26.10. 2007