NeulandD 11/07, Attac-Beilage

Der Weg ist das Ziel

Neuland im Lux.Kino Halle

Dass ausgerechnet die CDU -nahe Konrad-Adenauer-Stiftung den Dokumentarfilm Neuland als erste nach Halle geholt hat, ist schon einigermaßen überraschend. Dass dies zudem vor dem Hintergrund der Feierlichkeiten zur deutschen Einheit geschah, überrascht noch mehr. Man wollte mit der Thematik Transformation – Aufbau Ost diesmal anders umgehen. Also keine Vortragsreihe anbieten, so die Veranstalter. Und wenn schließlich der CDU - Landtagsabgeordnete Marco Tullner, befragt danach, was er aus dem Film mitnimmt, antwortet, er fühle sich ermutigt nach neuen Wegen bei der Förderung kleiner Unternehmen und Gruppierungen zu suchen und Bürokratie abzubauen, dann ist die linke Kritikerin geradezu gerührt.

Die Autoren Daniel Kunle und Holger Lauinger waren für ihren Film über schrumpfende Regionen und Gesellschaftspioniere zwei Jahre unterwegs. Bei der Suche nach Förderung für ihr Projekt gingen sie leer aus. Ihr Hauptanliegen, die Protagonisten aus dem Osten für sich selbst sprechen zu lassen, fand keinen Zuspruch. Ein türkischer Freund spendete 5000 Euro, die für Mietwagen und Hotel reichten. Der Film ist einfach gemacht; eine Kamera, ein Tonträger. Seit März sucht und findet er sein Publikum. Die Filmemacher haben den Vertrieb selbst übernommen und sind mit ihm auf Reisen gegangen. Mit Erfolg. Trotz positiver Presse und dreimaliger Zusendung des Streifens interessierte sich das Fernsehen lange nicht. Aber, Wunder geschehen, nachdem er direkt an die Intendantin des RBB geschickt worden war, dauerte es nur noch vierzehn Tage bis zum Sendetermin. Und der war just am selben Abend wie die Veranstaltung im Halleschen Lux. Im Westfernsehen scheint man sich dagegen überhaupt nicht für den Osten zu interessieren, mal abgesehen von Skandalberichten über Neonazis. „Die gefühlte Einheit scheint nicht ganz da zu sein.“, so Lauinger, der im Übrigen aus Pirmasens stammt, einer ebenfalls durch den Niedergang der Industrie gezeichneten Stadt.

In der lebendigen Diskussion mit Tullner ( Anmerkung: CDU, MdL Sachsen-Anhalt) und Lauinger auf dem Podium kam große Sympathie für die im Film dargestellten ungewöhnlichen Arbeits- und Lebensentwürfe zum Ausdruck. Dem Durchschnittsbürger mögen sie skurril erscheinen, aber sie eröffnen Perspektiven. „Pioniere waren immer Spinner“, sagt Tullner. Lauinger betont die bewusste Herangehensweise der Autoren. Sie wollten positive Beispiele vom Rand der Gesellschaft, auch Notgeburten, darstellen. Dabei seien alle Projekte erst im Werden begriffen nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel. Er wünscht sich mündige Zuschauer. Sie sollen fragen: Was steckt in den Bildern an Themen? Und sie sollen weiterdenken. Sich auf die Suche machen nach neuen Lebens- und Arbeitsgemeinschaften. Und nicht zuletzt sollen sie Forderungen an die Politik stellen. Dazu gehört die Diskussion um das Grundeinkommen. Damit Existenzangst aufhört. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit Bürokratie. Damit Eigeninitiative nicht von Amts wegen zerstört wird. Dazu gehört zu fragen: Ist es wirklich so, dass dieses Land kein Geld mehr hat? „Für reiche Staaten wie Deutschland ist das Argument kein Geld inakzeptabel. Die Politik hat leider kein Primat. Wir laufen der Ökonomie hinterher.“ meint Lauinger.

Auch wenn am Ende ein älterer Herr aus dem Saal seiner Empörung darüber Ausdruck verleiht, dass gut ausgebildete junge Leute, BWL-Studenten zumal, sich mit einer Weinbergschneckenzucht durchschlagen müssen – die Botschaft von Neuland ist angekommen. Bleibt nur zu fragen: Wann nimmt sich die Linke der Thematik an? Sophie Marie Thiele

Aus: NeulandD 11/07, Beilage im Neuen Deutschland vom 26.10. 2007