epd medien Nr. 81 . 13.10.2007

Die Überflüssigen

„Neuland“, Regie und Buch: Holger Lauinger und Daniel Kunle, Kamera: Daniel Kunle (RBB, 11.10.07, 23.35-0.50 Uhr)

epd Ein fahrender Zug, am Fenster gleiten Bilder vorbei. Geisterbahnhöfe. Verlassene Gebäude, stillgelegte Fabriken. Weite, leere Landschaften. Ostdeutschland 2007. Im Vorspann von Holger Lauingers und Daniel Kunles Film ist unübersehbar, was noch vor ein paar Jahren ein Tabu in einer auf stetes Wachstum orientierten Gesellschaft war: Städte schrumpfen, Landschaften vereinsamen, ganze Regionen befinden sich im Niedergang.

Auch die derzeitige Konjunktur ändert nichts daran: die Dynamik der demographischen Abwärtsspirale ist nicht mehr aufzuhalten, die Folgen des rasanten Deindustrialisierungsprozesses sind bekannt – Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Ausbluten der Regionen. Bis 2050, so die inzwischen vielfach bestätigten Prognosen, wird die ostdeutsche Bevölkerung von 16 Millionen im Jahr 1990 auf 8 Millionen geschrumpft sein. Mit den Menschen verschwinden Schulen, Häuser, Spielplätze, Poststellen, Bahnstrecken. Im Film macht eine Computeranimation des jungen Architekten Stefan Paulisch das Unvorstellbare, Unfassbare sichtbar: das Schrumpfen einer Stadt auf die Hälfte. Oder weniger. Längst werden Umsiedlungsszenarien diskutiert, weil ganze Infrastrukturen aufgegeben werden müssen. Das solche Szenarien kein ostdeutsches Phänomen mehr sind, dass sie für ganz Europa von Bedeutung sind, sickert langsam ins öffentliche Bewusstsein.

Seit Jahren beschäftigen sich die beiden Filmemacher mit diesem Thema. „Neuland“ ist wie sein Vorgängerfilm „Nicht-Mehr | Noch-Nicht“ eine Reise durch den Osten. In beiden Filmen kommentieren die Autoren nicht, sondern überlassen konsequent das Wort anderen. „Neuland“ kreist um die Fragen: Wo leben wir eigentlich? Wie leben die Menschen damit? Wie halten sie das aus, was machen sie aus dieser Situation?

Das sind keine kleinen Fragen. Welche Wucht, welche neue gesellschaftliche Dimension sie bergen, formuliert der ostdeutsche Soziologe Andreas Willisch, der sich mit der Veränderung der ländlichen Räume befasst: „Wir halten die Leute in einem Spiel, dessen gesellschaftlichen Grundlagen erodieren. Wir simulieren Arbeit, damit diese Leute an ihre Erfahrungen anschließen können, aber diese Arbeit braucht keiner.“ Das Verschwinden der industriellen Basis katapultiert die einstige Arbeitsgesellschaft in eine Gesellschaft der Leere und Langeweile, der „Überflüssigen“.

Nur wenige Sekunden und wenige Inserts brauchen die Autoren, um zu verdeutlichen, dass es wenig bringt, auf staatliche Intervention zu hoffen. Chipfabrik Frankfurt/Oder, Versprechen: 1500 Arbeitsplätze, Förderung 80 Millionen Euro, Insolvenz 2003. Ähnliches gilt für den Euro Speedway, den Cargolifter, Silver Lake City oder Tropical Islands. Die wahren Akteure, das zeigen Holger Lauinger und Daniel Kunle, sind oft genug die Überflüssigen selbst, die zu Pionieren werden, indem sie das Niemandsland als Neuland begreifen, es neu definieren und erschließen.

Wie Bürgermeister Horst Wilke, der mit Plakaten offensiv „Kolonisten“ sucht, die wie weiland unterm Alten Fritz den kleinen Ort im Oderbruch neu besiedeln. Wie Herr hartmann, der in Weißenfels einen kleinen Lebensmittelladen namens „Harz 4“ eröffnet hat. Karin Fahnert, die in Wolfen mit ihrem kleinen Kino ein Minimum an Kultur zu erhalten sucht und sich von der Bürgermeisterin anhören durfte: „Niveau werden Sie sich hier nicht leisten können.“ Ein Dorf das den Ernegiemonopolisten trotzt und selbst Strom für die Region generiert. Frank Jansky, der die Regionalwährung „Urstromtaler“ in Umlauf gebracht hat, um eigene Wertschöpfung in der Region zu stärken. Zwei Vertreter des „Netzwerks für demokratische Kultur“, das dem Rechtsradikalismus nicht die kulturelle Hegemonie im Osten überlassen will.

Es ist eine hochspannende Entdeckungsreise, eine verblüffende Durchmessung des Raums, eine Achterbahnfahrt, auf die man sich mit den beiden Dokumentarfilmern begibt. Sie konstatieren nüchtern die Lage, ohne je larmoyant zu werden. Sie stellen Helden des Alltags vor, die erfinderisch gesellschaftliches wie räumliches Neuland erobern – Scheitern nicht ausgeschlossen. Eine kurze Szene zeigt Günter Beckstein auf Wahlkampftour im Osten. Becksteins Zuhörer lächeln ironisch und müde. Beckstein wirkt zwischen ihnen wie ein Marsmännchen aus einer fernen Zeit und Welt, der von Raketen in unbekannte Welten theoretisiert, in denen sie längst selbst sitzen. Und sie wissen das.

„Neuland“ gewinnt Zuschauer mit unsentimentaler Empathie, Sinn für Ironie und große Neugier. Leichtfüßig wechselt der auch formal und rhythmisch ansprechende bestechende Film vom Detail zur essentiellen Analyse. Eben sagt noch ein Protagonist: „Der Umbruch ist ein Such- und Experimentierprozess. Den muss diese Gesellschaft aushalten“, da erfährt man auch schon, wie skurril es im Konkreten aussehen kann, wenn die Neulandpioniere die eingefahrenen Gleise des bundesrepublikanische Alltags stören: Wie Falk Selka, der ganz ohne Fördermittel seine „Buffalo Ranch“ aufgezogen hat, wo er erfolgreich seine Steppenbisons züchtet, die mageren Böden gut zurechtkommen. Selka hätte noch tausend Ideen, beispielsweise eine Bisonzüchterschule aufzumachen, aber er stößt auf taube Ohren. Auf Bisons sind die Richtlinien der deutschen Bürokratie nicht vorbereitet. „Wenn Se `n Bison einkreuzen mit einer Hauskuh, sind Se förderfähig“, bekam Selka zu hören.

Komischer, treffender und deprimierender zugleich kann man den Zustand des Landes mit seinen Schluchten und Diskrepanzen kaum beschreiben. Dazu passt, dass Filme wie diese es kaum ins Fernsehen schaffen. „Nicht-Mehr | Noch-Nicht“ wurde durch kleine Kinos einem großem Publikum bekannt. „Neuland“, ein ebenfalls völlig ohne Förderung produzierter Film, wurde vom RBB immerhin bereits um 23.35 Uhr ausgestrahlt. Wenn Lauinger und Kunle ein vermeintlich nur ostdeutsches Thema wie Schrumpfung mal mit Tom Cruise und Hollywood einkreuzen würden, wären sie vielleicht sogar förderfähig. Wenn man das weiterdenkt: In den USA wurden mit Ost-Themen bereits Oscars gewonnen. Und schrumpfende Städte gibt es dort auch.

Ulrike Steglich