Leipziger Volkszeitung, 15. Oktober 2007

Vom Abbruch zum Aufbruch

Diskussion über Dokumentarfilm „Neuland“ im D 5 Wurzen.

Stillgelegte Bahnhöfe, leere Autobahnen, tote Fabriken, Investruinen – der Dokumentarfilm „Neuland“ von Holger Lauinger und Daniel Kunle, der am Freitag im Kultur- und Bürgerzentrum D 5 zu sehen war, beginnt mit den wohlbekannten Bildern vom Abbruch Ost. Um dann zu zeigen, dass der Umbruch auch Raum schaffen kann für neue Ideen und Projekte. Selbst wenn deren Initiatoren oft erst mal als Spinner abgetan und kaum unterstützt werden. Die Bisonranch in Neukieritzsch laufe immer noch sehr gut, erzählt Regisseur Lauinger im Anschluss, die vogtländischen Schneckenzüchter hätten zu kämpfen und durch den Umbau eines ehemaligen Kraftwerks in der Lausitz zu einem Industriedenkmal konnten bisher zumindest 60 Leute in die Rente überführt werden. „Und wie geht es euch so?“, fragt er dann in die Runde. Als der Journalist zuletzt in Wurzen war und die NDK-Mitarbeiter Melanie Haller und Stephan Meister für den Film interviewte, war das Kultur- und Bürgerzentrum D 5 schließlich noch eine richtige Baustelle. Seit über einem Jahr finden hier nun vielfältige Veranstaltungen statt, und so konnte nun auch „Neuland“ über die Leinwand flimmern.

Der Filmemacher tourt derzeit mit seinem „Reisebericht durch die ostdeutsche Transformationslandschaft“ durch eben jene, aber auch in einigen westdeutschen Städten und sogar in New York interessiert man sich für den Film. Demnächst soll er in der Bundestagsfraktion der CDU gezeigt werden, nachdem die Abgeordneten der Grünen und der Linken ihn sich bereits angesehen haben. „Wir erhalten sehr viel Zuspruch“, erzählt Lauinger. Dabei verbreitet sich „Neuland“ hauptsächlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Zwar lief der Streifen am vergangenen Donnerstag doch noch zu nächtlicher Stunde im RBB, zuvor hatten sich Lauinger und Kunle aber bereits mehrfach vergeblich an den Sender gewandt. Die Anschubfinanzierung für diesen Film über Abbruch und Aufbruch in Ostdeutschland kam sogar, wie Lauinger süffisant anmerkt, von einem Freund aus Istanbul. Der Regisseur betont, dass er den Film vor allem als Diskussionsgrundlage verstanden wissen will. Und so sprechen die knapp 20 Besucher im D5 darüber, wie das so ist, wenn in einer Region alle jungen Leute wegziehen. Wie es gelingen kann, den Wandel von großen industriellen Monostrukturen zu vielfältigeren, kleinen Kreisläufen in Gang zu setzen. Wie man es schaffen kann, die Resignierten zu erreichen, die gar nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. „Das gelingt leider auch mit so einem Film nicht“, bedauert Lauinger zum Schluss.                                                                                         Frank Schubert