DIE ZEIT, 11.10.2007 Nr. 42

Überflüssige Ostdeutsche

Zum Ehrlichsten, was über die Nachwendezeit gedreht wurde, gehört »Neuland«.

Die Würde des Menschen ist »unantestbar«. So hat es der neue bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, sich verhaspelnd, einmal zu den Menschen in Brandenburg gesagt. Er wollte der ostdeutschen CDU im Wahlkampf beistehen, leider war gerade die Jüterboger Konservenfabrik Pikant pleitegegangen. Wieder ein Arbeitgeber weniger. Wieder Hunderte Arbeitslose mehr. Einige von ihnen trugen T-Shirts mit dem Aufdruck »Die Überflüssigen«, das verunsicherte den Gast aus Bayern sehr. Es ist in der real existierenden Marktwirtschaft nicht immer leicht, die Menschenwürde zu beschwören. Die Kamera hat den Moment festgehalten, als Beckstein in Jüterbog den Artikel 1 des Grundgesetzes proklamierte. Da schüttelten die Überflüssigen ihre Köpfe – nicht empört, nur stumm verwundert, so wie früher über die wirklichkeitsfernen Parolen der SED. Beckstein rief: Arbeit und Wachstum! Kein Mensch sei überflüssig! Es war ein großer Moment peinlicher Schönrednerei. Dass die Antastbaren tatsächlich existieren, die Entwürdigten, Überflüssigen, von sozialer Anerkennung Ausgeschlossenen, vom Fortschritt Abgehängten, durch Solidarbeiträge Gedemütigten, zeigt jetzt ein grandioser Dokumentarfilm aus dem strukturschwachen Beitrittsgebiet. Die Kamera schaut Becksteins Zuhörern in die müden Gesichter, verweilt vor leeren Kulturhäusern, schweift über tote Gleise und bebildert eine endgültig sich einnistende Resignation. Neuland von Daniel Kunle und Holger Lauinger gehört zum Ehrlichsten, was bisher über die Nachwendezeit gedreht wurde. Leider findet die Fernsehpremiere des privat produzierten Autorenfilms, der seit Monaten erfolgreich durch Ostdeutschlands unabhängige Kinos tourt, im Verborgenen statt, im RBB (11. Oktober) und auf Phoenix (16. November). Er ist das Gegenprogramm zur lauthalsen Debatte über die Agenda 2010, zum Feilschen um eine mickrige Erhöhung oder halbherzige Verlängerung des Arbeitslosengeldes. Dass damit niemandem geholfen ist außer einigen Politikern, die sich noch immer vorm Benennen des eigentlichen Problems, der Arbeitslosigkeit, drücken, das wissen die Überflüssigen in Jüterbog, Weißenfels, Wüstenbrand genau. Sie erkennen nämlich die Rhetorik des sozialistischen Zweckoptimismus in den Reden ihrer demokratisch gewählten Vertreter wieder, die neualten Krisensymptome: Kritikunfähigkeit, Diffamierung der Kritiker, Leugnung der Ursachen. Daran ermisst der gelernte DDR-Bürger die gesellschaftliche Misere, danach beurteilt der überflüssige Neubundesbürger die Gefahr für sein Land. Der Ostdeutsche ist ja weniger als der Westdeutsche geneigt, politische Lügen zu tolerieren, weil er die falschen Töne noch im Ohr hat. Sie klingen für ihn wie schrille Untergangsmusik aus Zeiten der Diktatur. »Ich liebe doch alle«, sagte Stasichef Erich Mielke. »Quo vadis – wem nützt das?«, fragte Walter Ulbricht. Im rhetorischen Missgeschick entbirgt sich oft das Verlogene einer ganzen Rede. Noch ist Ulbrichts Fehler unübertroffen. Noch ist Hoffnung.                                         Von Evelyn Finger