Märkische Allgemeine 1.9.2007

Bestandsaufnahme und Visionen

Heinrich-Böll-Stiftung zeigte Dokumentarfilm über den "Aufbruch ins Neuland"

RÜHSTÄDT Wie soll es mit den strukturschwachen ländlichen Regionen, zu denen die Prignitz gehört, weitergehen? Als Anregung in diesem Zusammenhang hatte die Heinrich-Böll-Stiftung am Donnerstag zu einer Filmvorführung in die Rühstädter Biosphärenreservatsverwaltung eingeladen. Der Dokumentarfilm nahm die vielen Zuschauer auf eine Reise durch die neuen Bundesländer "zwischen Abbruch und Aufbruch" mit. Der Titel "Neuland" suggerierte bei einem Zuschauer allerdings etwas anderes: "Er hat etwas Kolonisatorisches und lässt fragen, was gibt es denn hier für Ureinwohner?" Dem hielt Filmemacher Holger Lauinger entgegen, dass der gezeigte Niedergang einiger Regionen und die Beispiele zaghaften Neubeginns zum Titel "Neuland" gehören: "Neuland denken und wagen, den Transformationsprozess wahrnehmen mit alle seinen Schwierigkeiten und Chancen. Es ging uns um die Wahrnehmungsweise und nicht um ein bestimmtes Territorium."

Der 74-minütige Streifen beschäftigt sich mit der Entindustrialisierung in den neuen Bundesländern, für welche die verlassenen Bahnhöfe ein Symbol sind. Dazu wurde mit 20 Personen über ihre Lebenssituation gesprochen. Die Interviews belegen, dass sie nicht nur depressiv waren, sondern auch Aufbruchsstimmungen zeigten, wie Moderatorin Inka Thunecke von der Böll-Stiftung feststellte. Die Fragen und Meinungen der Zuschauer kreisten um das zentrale Thema der Prignitzer: Wie bekommen wir Beschäftigung für die Leute, wie kann an ihre Erfahrungen angeknüpft werden? Im Gedankenaustausch zeigten sich dann Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen alteingesessenen Prignitzern und zugezogenen Neu-Prignitzern. "Wir haben ein Lebensqualitätsproblem. Die entscheidende Frage ist: Wie entsteht Lebensqualität?", bemerkte Lauinger. "Wir haben geschaut, ob es neue Wege gibt zu arbeiten und zu leben, die dann die benachteiligten Regionen befruchten können." So wurden Weinbergschnecken- und Wisentzüchter gezeigt, ein Landwirt, der auf Energieerzeugung schwört, ein Dorf, das auf ökologisches Bauen setzt. Dazu ein Zuschauer: "Ich muss versuchen, hier etwas auf die Beine zu bringen, um hier leben zu können." Dazu sei es nötig, einen Lernprozess in Gang zu setzen, ganz anders als bisher mit Dingen umzugehen: "Das Alte hat keine Gültigkeit mehr, obwohl wir daran hängen. Hoffnungslosigkeit ist der schlimmste Zustand." Der Maler und Autor Matthias Görnandt: "Wir müssen uns Gedanken machen. Man muss sich einmischen." wh