Märkische Allgemeine 16.8.2007

Wir können auch anders

Mit "Neuland" beim Globians-Dokumentarfilmfest auf dem Weg zur Utopie

Depression, schrumpfende Städte, Arbeitslosigkeit, raue Nazi-Parolen, so stellt man sich die Ex-DDR vor – und so ist sie zum Teil auch. Wenn die Jugendlichen in Bitterfeld vor den Hausruinen stehen, aus denen die Fenster brechen, und über ihre nicht vorhandenen Zukunftsaussichten spekulieren, können einem schon die Tränen kommen. Und wenn in Wurzen die Aktivisten des Netzwerks Demokratische Kultur darüber berichten, wie sie an ihrem Stand mit Urinbeuteln und ihr Büro mit einer Bombe beworfen wurde, dann kann einem himmelangst werden. Darüber sprechen die Menschen in dem Film "Neuland" von Daniel Kunle und Holger Lauinger auch, oder über die triste Tatsache, dass das Kulturangebot der Filmfabrik in einer Stadt wie Wolfen einfach nicht angenommen wird. Aber die Dokumentation, die am Dienstagabend im Programm des "Globians"-Dokumentarfilmfestes lief, nimmt nach der Hälfte der Filmzeit eine Wende zum Positiven, die so stark wirkt, dass die meisten Zuschauer entzückt und freudig erregt eine Hoffnung entwickeln darauf, dass irgendwann doch noch alles gut wird. Zwei Jungunternehmer machen aus Schleim Geld. Sie züchten Schnecken zum Verzehr in Gourmetrestaurants. "Wir wissen nicht, ob wir damit reich werden", aber die Hoffnung, die ist da. Auch, was den Ökostrom angeht. Da gibt es nicht nur den Befürworter der erneuerbaren Energien Herbert Scheer von der SPD, der für seine Ideen den alternativen Nobelpreis erhalten hat, sondern auch den Bauern, der auf die Biomasse setzt. Oder den Erfinder des "Urstromtalers", der gleich eine regionale Währung einführen möchte. In Thüringen hat sich in einer ehemaligen Puppenfabrik ein alternatives Wohnprojekt gegründet. Die jungen Leute signalisieren, dass sie bleiben, selbst wenn alle andere gehen. Leerstand, der Chancen bietet. Und in der Altmark entsteht ein Ökodorf. Man wohnt erst im Bauwagen, errichtet gemeinsam Häuser. Das schweißt zusammen. "Globians", dieses liebenswert intime Off-Dokufilmfestival, zeigte mit diesem Film eine jener alternativen Facetten der Gesellschaft, die in der TV-Öffentlichkeit nie vorkommen. Dabei schafft es eine Diskussionsatmosphäre, die mehrere Generationen miteinander vereint und hoffnungsvolles Denken ermöglicht. Kein Wunder, dass die Zuschauer dadurch in einen intensiven Austausch geführt wurden. Sie dankten unisono dem sympathischen Filmemacher Daniel Kunle, der sich über das Lob freute und der eigenen Hoffnung, dass "Neuland" bald im RBB gezeigt wird, Ausdruck verlieh. Alle wünschten es ihm.

HANNE LANDBECK