Freitag 31/2007

Wolfzeit

AUF TOUR Geschichte einer Zukunft und des Films, der sie entwirft: "Neuland"

Der Dokumentarfilm Neuland und die Form seines Vertriebs sind ein Gesamtkunstwerk. Der Film verhandelt Abschied von vertrauten Konstanten in Ostdeutschland - dem Leben ohne Arbeit, aber auch ohne Theater und Lichtspielhaus. Neuland wird entsprechend kaum im Kino gezeigt. Die Autoren Holger Lauinger und Daniel Kunle reisen mit dem Film durch das immer ländlicher werdende Land und führen ihn in Gaststätten, Hotels und Gemeindesälen vor. Ganz im Sinne von Entschleunigung ist Neuland sehr langsam angelaufen. Kam der Film schon Ende letzten Jahres heraus - und wurde ab und an gezeigt - erhöhte sich die Frequenz seiner Aufführungen erst jüngst. Ab September läuft Neuland fast täglich - in Orten, die Löbau, Heringsdorf oder Mittweida heißen. Auf seine Art boomt dieser Film.

Neuland wird nicht das Prädikat des künstlerisch wahnsinnig spannenden Dokumentarfilms bekommen. Dazu ist er zu pädagogisch. Auch wunderschöne Bilder, die ostdeutsche Brachlandschaften wie amerikanische Prärien zeigen, verhindern nicht, dass der Film an Bildungsfernsehen erinnert. Was nichts Schlechtes heißen muss. Vielmehr strahlt dieser Film eine Ernsthaftigkeit aus, die im Filmischen der sentimentalen Erinnerung angehört. Dem Bildungsfernsehen eben. Alles wird sorgsam erklärt, mit Daten und Zahlen. Der Hintergrund wird im Schnelldurchlauf abgehandelt: Im globalen Kapitalismus entstehen boomende und schrumpfende Zonen. Schrumpftown, ein vermeintlich ostdeutscher Topos, ist ein globales Problem. Dies war die Lektion 1, die Architekturkritiker Wolfgang Kil ausführlicher in Luxus der Leere abgehandelt hat. Der eigentliche Gegenstand von Neuland ist Lektion 2: Das Land schrumpft. Und was kommt dann? Auch ein Ort, der keine Zukunft hat, hat irgendeine Zukunft. Irgendwas passiert. Irgendwer handelt. Von "Pionieren" sprach schon Kil - von solchen, die kommen, wenn die ordnenden Systeme auf dem Rückzug sind. Man hört die Wölfe heulen, denkt an Tankgirl und Subkulturen, an Erleuchtete und Gangster, die sich in stillgelegten Werken verbarrikadieren. Lauingers und Kunles Projekt ist das Aufspüren der Pioniere im Sommer 2006. Mit der ihnen eigenen Sorgfalt filmen sie sie einfach ab. Was eigentlich ein Mangel ist - nämlich dass den Autoren der Sinn für Nähe zur Persönlichkeit, das Einfangen des besonderen Moments, das Zeigen der sprechende Gesten abgeht -, erweist sich als ungewollter Gewinn. Es offenbart sich ein profanes Bild von denen, die jene sich selbst überlassenen Räume bespielen. Betreiber von Hartz-IV-Läden in Weißenfels, die genauso gedämpft rüberkommen, wie die Stimmung in verödenden ostdeutschen Städten ist. Hippies in Landkommunen, die so spannend sind wie Gemeinschaftskundeunterricht - oder wie Leute, die halt ihr eigenes Brot backen. Es überrascht, dass es so wenig Überraschendes gibt. Aber das ist die eigentliche Botschaft dieses Films. Im angeblichen "Experimentierfeld" Ex-DDR gibt es kaum Neuigkeiten hinsichtlich der Frage, was zu tun wäre. Der Unterschied zu ähnlichen Unternehmungen auf dem westdeutschen Land in den achtziger Jahren besteht im Gesamtarrangement. Nicht das "Experiment" ist neu, sondern sein Sinn. Publikumslieblinge in Neuland sind zwei junge Sachsen, die ein Kohlfeld angelegt haben, auf dem sie Weinbergschnecken züchten. Einer der beiden in Gummistiefeln zeigt auf seine etwa 10.000 Schnecken, die gemächlich über Kohlblätter kriechen. Das Publikum lacht. Der Sachse erklärt, dass es ein Versuch sei - zu sehen, ob sich in Ostdeutschland Schneckenzucht lohnt. Er zeigt auf das weite Land ringsum. Spekuliert, was man noch züchten könnte. Es geht um Ideen, was mit dem Land zu tun wäre, damit man hier leben kann. In den Achtzigern stellte sich die Frage umgekehrt: Zu welchen Ideen für ein neues Leben könnte das Land einen Stadtflüchtling reizen? Ein anderer Neuland-Pionier hält Wisents. Archaisch wirken nur die Bilder. Der Wisentzüchter ist ein Bauer, der eine Marktlücke sieht, weil die Wisents mit dem dürren Grasland stillgelegter Tagebaue auskommen. Selbst ein Projekt, ein Dorf autark mit alternativer Energie zu versorgen, erhält eine verblüffende Ernsthaftigkeit, wenn die Kommune sich die Netze der Großanbieter tatsächlich kaum mehr leisten kann - dafür aber Arbeitskraft und Zeit im Überfluss vorhanden ist.

Neuland ist ein Lehrfilm. Er müsste eigentlich in Schulen gezeigt werden. Nicht nur im Osten.

Tina Veihelmann