RBB Kulturradio 14.08.07

Anmoderation: Ein Dokumentarfilm, der schon vor einigen Monaten mit außerordentlichem Erfolg bei Kritikern und Publikum in den Kinos, in den wenigen Kinos, die für Edles Platz haben, lief, ist: Neuland. Ein Dokumentarfilm über das Leben, in den so genannten Neuen Ländern. Wenn Sie ihn noch nicht gesehen haben, dann haben sie heute Abend die Chance in Potsdam bei Globians, dem Dokumentarfilmfestival in Potsdam. Einer von diesen beiden jungen Filmemachern, die diesen wirklich wunderbaren und wirklich überaus sehenswerten Dokumentarfilm gedreht haben, den stellt uns Bernd Dreiocker im Folgenden vor.

Beitrag: Er ist 35 Jahre alt, wohnt in Berlin-Prenzlauer Berg, zweites Hinterhaus. Dort, wo die Edelsanierung noch nicht angekommen ist. In seinem Wohnzimmer, das gleichzeitig sein Arbeitszimmer ist, hat der Filmemacher einen Uralt-Fernseher stehen, der wirkt wie ein Protest gegen den technischen Fortschritt. „Den habe ich einfach geschenkt bekommen. Macht ein hervorragendes Bild. Ist nur schwer zu transportieren.“

Jetzt steht er wuchtig neben dem zierlichen Notebook auf der Arbeitsstrecke des Zimmers. Nach Berlin kam Daniel Kunle gemeinsam mit seinem jetzigen Co-Regisseur Holger Lauinger. Über sein Leben hier und seine Filmarbeit spricht er nur zögernd mit langen Denkpausen:

„Es ist so, dass wir beide, Holger und ich, Anfang der 90ziger nach Berlin gezogen sind, aus dem beschaulichen Südwesten, und hier natürlich eine ganz andere Situation vorgefunden haben, die wie für viele Leute natürlich sehr spannend war…dass es so eine sehr situative und mentale Offenheit gab in der Stadt. Und dass man sich Flächen und Orte einfach angeeignet hat.“

Und genau das hat er im Film zum Thema gemacht. Zwei Dokumentarfilme von ihm spielen zum großen Teil im Osten: „Ich habe da zum Teil auch sehr viel „Neuland“ für mich selbst entdeckt. Das war auch Teil der Motivation, dass ich selbst „Neuland“ suche, wie die Protagonisten im Film auch. Also ich lerne gerne neue Menschen, neue Situationen kennen, die nicht unbedingt erst einmal meine Welt sind und schaue dann, was hat das mit mir zu tun oder was bedeutet das insgesamt.“

Daniel Kunle hat an der Humboldt-Universität ein paar Jahre Kulturwissenschaft studiert und das Studium dann abgebrochen, weil ihn Film dann mehr interessierte. Er wechselte an die Universität der Künste. Der Dokumentarfilmer Harun Farocki war einer seiner Lehrer. Im Jahr 2004 legte er, gemeinsam mit Holger Lauinger, seinen ersten großen Dokumentarfilm vor. „Nicht-Mehr | Noch-Nicht“ über Brachflächen in schrumpfenden Städten und die Möglichkeiten, die sie bieten. Mit diesem Film ist er seitdem unterwegs in Kinos, Kneipen, Gemeindesälen ostdeutscher Städte…

„Und auf diesen Reisen haben wir eben sehr viele neue Orte und Menschen kennen gelernt…Und das war ungefähr der Ausschlagspunkt, wo wir gesagt haben: Wir schauen jetzt mal weg aus den Städten, mehr auf das Land und mehr auf die Menschen, die dort ihren Alltag auf die eine oder andere Weise leben.“

Im Film „Neuland“ kommen 20 Menschen zu Wort. Bürgermeister, Schnecken- u. Bisonzüchter, selbstbewusste Arbeitslose, Querdenker aus Wissenschaft und Politik. Von den Filmemachern hört man keinen Kommentar. Seine Filmästhetik hat Daniel Kunle in Abgrenzung zum herkömmlichen Dokumentarfilm entwickelt:

„Üblicherweise sind es Filme, die ein, zwei oder drei Protagonisten haben, die über mehrere Monate oder sogar Jahre begleitet werden und dann wird das fast sogar mit einer Spielfilm-Narration zusammengefügt. Dann gibt es eben Konflikte, Höhepunkte, Gutes, Böses…das ist so der Dokumentarfilm, der im Kino auch auf dem Vormarsch ist. Unsere Filme sehen anders aus.“

„Realitätsmomente zusammenfügen“ nennt Daniel Kunle seine Methode, so dass sie für den Zuschauer ein Bild ergeben, dass nicht von vornherein festgelegt ist. Das funktioniert wirklich. Denn für die Einen ist „Neuland“ ein hoffnungsvoller, für die Anderen ein Frust-Film: „Das Hauptanliegen ist tatsächlich eine Diskussionsgrundlage anzubieten und das funktioniert tatsächlich sogar ziemlich gut. Sobald der Film abgespielt ist, wird gar nicht mehr so viel über den Film selbst gesprochen, sondern es geht dann in die konkrete Situation vor Ort.“ Und genau so haben es Daniel Kunle und Holger Lauinger beabsichtigt. Als Aufklärer reisen sie übers Land mit ihren Filmen, in denen sie sich selbst ganz zurückhalten und doch gerade dadurch zum Streit herausfordern.

Abmoderation: Sie können den Film „Neuland“ heute Abend in Potsdam sehen im Rahmen des Dokumentarfilmfestival „Globians“ im Alten Rathaus. Und im Anschluss ist Daniel Kunle, den wir gerade kennenlernen konnten im Kulturradio RBB, zum Filmgespräch mit vor Ort. Ich habe den Film gesehen…Ich kann nur sagen, wenn Sie Zeit und Lust haben, dürfen sie den Film nicht verpassen.