Sächsische Zeitung 14.07.07

Der Osten - eine überflüssige Region

Der Film "Neuland" zeigt Landschaften, die nicht mehr blühen.

Es erinnert an Monopoly mit neuen, erweiterten Spielregeln: "Immobilie zu verkaufen!" könnte eine häufige Aktionskarte sein. Eine weitere: "Sie sind arbeitslos. Gehen Sie nicht über Los und und bekommen damit in diesem Monat keine neue Stelle vermittelt". Wer kann, spielt nicht mehr mit, zieht weg - und den Bleibenden fehlt das Geld, um Straßen und Immobilien zu kaufen. Einige - die schon einige Spielrunden nicht mehr über "Los" durften - tragen T-Shirts, auf denen steht: "Die Überflüssigen".
Ernst statt Spiel
Da klingt manches irgendwie bekannt? Neuland ist kein Spiel, in dem Aktionskarten die Teilnehmer herausfordern. Neuland ist ein Film über den bitteren Ernst des (ostdeutschen) Lebens. Ohne Aktionskarten, aber auf Spielregeln beruhend, die früher einmal sinnvoll gewesen sein mögen. Es sei "ein Reisebericht durch die ostdeutsche Transformationsgesellschaft", sagt Regisseur Holger Lauinger.

Das Görlitzer Kompetenzzentrum für revitalisierenden Städtebau hat im Schlesischen Museum zur Filmschau eingeladen, weil das ostdeutsche eben, wenn auch stadtspezifisch, auch ein Görlitzer Problem ist. Da trifft nicht alles zu aus Neuland: Eine Tricksequenz zeigt transparente Häuser, die überflüssig sind, vorm Abriss stehen. Bilder, die die Kehle zuschnüren: Da wird eine ganze Stadt abgerissen. Zum Glück trifft uns das in Görlitz nicht. Aufatmen! Aber doch - "Neuland" ist eben auch Görlitz: Arbeitslose und leere Wohnungen. Neuland zeigt lakonisch, wie es ist und provoziert damit. "Zeigen Sie den Film mal dem Bundestag", fordert jemand aus dem Publikum. Weil dort - weit weg - doch sonst niemand wisse, was im Osten passiert. Eine Zugezogene, selbst aus dem Westen, wundert sich, warum es leichter sei, ausländische Firmen oder Investoren nach Görlitz zu holen, als westdeutsche. Ist der Westen noch immer nicht im Osten angekommen? Das Phänomen schrumpfender Städte ist jedenfalls längst auf dem Weg in den Westen.

Der Film zeigt nicht nur Resignation. Hoffnung ist: Ein älterer Herr, der Bisons in einem ehemaligen Tagebau züchtet. Zwei junge Männer, die sich der Schneckenzucht verschrieben haben. "Als nächstes bauen wir Wein an!" Auch wenn der nicht schmecke - ein witziges Souvenir sei Rebensaft aus dem Vogtland allemal. Der Film deutet an: Es gibt keine Lösungen, die Ansatz für den ganzen Osten sein könnten. Es sind die individuellen Wege, die wiederbeleben. Neuland braucht flexible Spielregeln, um Ideen wahr zu machen. Weniger Bürokratie und mehr Mut, Neues zu denken. Damit es wieder mehr Gewinner gibt im echten "Neuland". Ines Igney

Bildunterschrift :

Besucher in einem ehemaligen Tagebau, der zur Seenlandschaft wird. Tourismus gilt manchem als Allheilmittel des ostdeutschen Strukturproblems: In Neuland heißt Aufbruch aber vor allem, Neues zu denken.