Garten + Landschaft 5/2007

Eine Reise durchs ländliche Ostdeutschland
Dokumentarfilm „Neuland“ von Holger lauinger und Daniel Kunle

Ein roter Punkt tanzt durch flirrendes Grün idyllischer Landschaften. Die Kamera folgt ihm und aus dem roten Objekt wird ein Bus, der auf einem menschenleeren Parkplatz stoppt: Die rollende Sparkasse ist angekommen in der ostdeutschen Provinz. Eine Stimme aus dem Off berichtet, wie schwierig es ist, mit den Menschen über ihre Finanzen zu reden. Mitnichten handelt es sich um die Stimme eines freundlichen Anlageberaters aus dem Bus. Vielmehr stellt Anwalt Frank Jansky den regional erfolgreichen Wirtschaftskreislauf des „Urstromtalers“ vor und fordert, dass Menschen aus Sachsen-Anhalt von der Wertschöpfung ihrer Arbeit wieder profitieren sollten. Und wenn das nicht mit dem Euro geht, muss eben eine alternative Währung her. „Wir können auch anders“ – unter diesem Titel brachte vor Jahren ein Ex-Landwirt seine Helden vom Rand der Gesellschaft in das große Kino – das war Fiktion.

Neue Lebensentwürfe

In ihrer zweiten Dokumentation „Neuland“ lassen Holger Lauinger und Daniel Kunle real existierende Helden und Heldinnen, die den „Aufbau Ost“ auf ihre Weise umsetzen. Bodenständige, handfeste Männer, die amerikanische Bisons auf rekultivierten Tagebauflächen ansiedeln, begebnen uns neben jugendlich unbedarften Schneckenzüchtern, die in Sachsen die Weinbergsschnecke als Gourmetprodukt anpreisen. Selten dürfen sich Experten oder Politiker äußern, und falls doch, sind es ausgesuchte Interviewpartner wie Rainer Land vom Netzwerk Ostdeutschlandforschung. Alle Zeit der Welt hingegen erhalten Menschen, die ihre überzeugenden oder auch nicht funktionierenden Lebensentwürfe erzählen: die Dorfbewohner, die in der Altmark einen in baubiologischer Bauweise neu gründen, der mecklenburgische Bauer, der alternativ erzeugten Strom an Energiekonzerne verkauft, die „Überflüssigen“ aus Jüterbog, die sich mit plakativen T-Shirt-Aufdrucken gegen eine Stigmatisierung ihrer Arbeitslosigkeit wehren.

Es sind nicht nur die Charaktere seiner Protagonisten, die dieses reizvolle Roadmovie so erfolgreich machen. Hoffnungslos überlaufen war die Uraufführung in Berlin im Rahmen des Filmfestivals „Utopisches Flimmern“, beide Berliner Stadtmagazine rezensierten den Film lobend. Eine Reise durch Regionen zwischen Abbruch und Aufbruch nennen die Filmemacher ihre Arbeit. Subtil humorvoll montierte Szenen und eindrucksvolle Landschafts-Totalen entwickeln einen dynamischen Sog, geschickt untermalt von der ohrwurmverdächtigen Musik. Was kann man erzählen mittels Landschaft, fragt Daniel Kunle, der die Bilder gedreht hat und dafür sein Stipendium von der „Akademie Schloss Solitude“ nutzte. Seine Haltung zur Landschaft sei zurückzuführen auf die Schule des renommierten Filmessayisten Heinz Emigholz und auf die Zusammenarbeit mit Holger Lauinger. „Mein Anspruch ist es, planerische Themen auf eine Art und Weise zu kommunizieren, die jeder versteht“, formuliert Lauinger, der einmal Landschaftsplanung studierte. Als Journalist und Filmemacher gewährt er nun vielschichtige Blicke auf Ostdeutschland abseits des publizierten Bilds und sucht einen erweiterten Diskurs über die Perspektive Ost dort hin zu tragen, wo Betroffene leben. Den Vorgänger-Film „Nicht-Mehr | Noch-Nicht“ stellte Lauinger jetzt bundesweit etwa 150 Male zur Diskussion. Hier trifft Idealismus auf Pragmatismus, denn die Honorare für die Aufführungen sollen die Produktionskosten refinanzieren.

Heitere Aufbruchstimmung

„Man vergisst manchmal, dass es noch eine andere Welt gibt“, formuliert eine Zuschauerin nach der Premiere von Neuland. Viele mögen das utopische Moment des Films, der eine heitere Aufbruchstimmung transportiert. Die übersichtliche Dramaturgie, die von teils zwiespältigen Projekten zu erfolgreichen Beispielen führt, kann man natürlich auch ablehnen, aber dann müsste man sich schon sehr dem Rhythmus des Films verweigern. Eine Aussage von Wolfgang Kil aus „Luxus der Leere“ animierte die Filmemacher, ihre Begegnungen unter dem Stichwort „Utopien“ zu summieren. Während Kil augenzwinkernd kommentiert, er stelle inzwischen seine eigenen Utopien in Frage, packt der Film aktuelle und politisch brisante Themen an. Nach 15 Jahren wird gerade wieder öffentlich diskutiert, wie und warum die Wirtschaftsförderung im Osten scheiterte.

Susanne Isabel Kröger