Rheinischer Merkur Nr. 12, 2007

Mach Tempo, kleine Schnecke!

AUFBAU OST / Die Dörfer zwischen Oder und Elbe leeren sich - wer Arbeit will, zieht weg. Doch Pioniere suchen gerade hier ihre Chance. Sie züchten seltene Tiere und bauen Bio-Rohstoffe an. Entsteht eine neue Kulturlandschaft?

Falk Selka züchtet Bisons. Rund 100 der zotteligen Urviecher stehen auf seinen Weiden in Neukieritzsch bei Leipzig. Täglich fährt der 54-Jährige in seinem riesigen Dodge-Pick-up auf das Gelände am Rande eines Braunkohlen-Tagebaus, um bei seinen Tieren nach dem Rechten zu sehen. "Buffalo Ranch" steht auf seinem Auto, es ist ein Wagen für Wildost, am Rückspiegel baumelt ein Bisonhorn mit Felleinsatz. Buffalo Falk trägt Arbeitsjacke und Basecap, raucht unablässig Zigarillos. Das Handy klingelt, Selkas Bruder ist dran - der hält auf angrenzenden Weiden Zebus, indische Buckelrinder. Eine Familie, zwei Nischen.
In Landschaften, aus denen die Menschen fliehen, werden Tiere zum Symbol. In den von Arbeitslosigkeit und Wegzug geplagten ländlichen Regionen Ostdeutschlands ist das zurzeit gut zu verfolgen. In der Lausitz werden seit Jahren Wölfe beobachtet, die über die Neiße geschwommen sind. Auch Elche überqueren die Grenze und fühlen sich in den Wäldern Brandenburgs wohl. Der Elch könnte dort wieder heimisch werden, meint Matthias Freude, Chef des Landesumweltamts in Potsdam. Wolf und Elch scheinen dafür zu stehen, dass nach dem Abriss der alten Industrie und dem Scheitern der hochfliegenden und hochsubventionierten Nachwendepläne nun die Wildnis in die schönen, leeren Regionen zwischen Elbe und Oder zurückkehrt.

Die Tiere taugen nicht nur als Indizien des Niedergangs dieser Landschaften mit ihren 20 bis 30 Prozent offizieller Arbeitslosigkeit, sie sind auch für den Aufbruch gut. Für einen Aufbruch in der Nische.

Selka telefoniert und lenkt; den sächsischen Dialekt hat er sich auch in den Jahren in Kanada nicht abgewöhnt. In den Neunzigern lebte er in Britisch-Kolumbien, betrieb mit seiner Frau ein Blockhaus-Restaurant und Hotel am Highway 96, an der Strecke nach Alaska. Sein Nachbar, auch ein ausgewanderter Deutscher, hielt Bisons und überzeugte Selka davon, es ihm gleichzutun. Nach dem Unfalltod seiner Frau ging Falk Selka zurück nach Deutschland, in das Dorf seiner Kindheit. Die Bisonidee nahm er mit.

Seine Tiere stehen auf rekultivierten Abraumhalden des Tagebaus. Selka kaufte die Flächen von der Mitteldeutschen Braunkohle AG. Anderes Land war schwer zu bekommen. "Die alten LPG-Bosse haben immer noch alles unter Kontrolle und verkaufen nichts, weil sie für die Flächen Subventionen kassieren", schimpft er. Die DDR verließ Selka schon 1978 nach einer Reihe von Ausreiseanträgen, ging erst einmal ins Rheinland. Selka kann stur und knorrig sein, aber er hat auch das nötige Durchhaltevermögen. Mit seinem Weideland ist er zufrieden: "Die Erde lag vorher 60 Meter tief, die konnte noch nicht einmal die DDR verseuchen", sagt er.

Tief unten im Tagebau quietscht das Kohle-Förderband, am Horizont qualmen die Schornsteine des Kraftwerks Lippendorf, in der Frühlingsluft tiriliert ein Vogel. Die Bisons stehen im Matsch um die Tränke herum, wirken wuschelig-friedlich. Sie streicheln zu wollen wäre dennoch ein Fehler. "Das sind Wildtiere, keine Kühe", warnt Selka. Er kennt jedes Tier seiner Herde und seinen Platz in der Hackordnung. "Wenn man weiß, wie man mit ihnen umgehen muss, passiert einem nichts", sagt Buffalo Falk.

Danny Hübner und Daniel Weller setzen auf kleinere Tiere. Weinbergschnecken sind ihr Kapital. Eine einzige Schnecke hat Danny Hübner einmal probiert. "Schmeckt nussig", sagt der junge Mann mit Pferdeschwanz und karierter Arbeitsjacke. "Aber ein Steak ist mir lieber." Hübner und Weller züchten ihre Schnecken zwischen Plastikzäunen an einem Hang in Oelsnitz im Vogtland. Die beiden haben BWL studiert, fanden keinen Job in Sachsen, wegziehen wollten sie nicht. Was könnte Geld bringen?, fragten sie sich. Sie dachten an Trüffel, an Kois, landeten schließlich bei Weinbergschnecken. Die gehen zu Spezialitätenhändlern nach Italien. "Heimlich lachen die Leute hier wahrscheinlich über uns", glaubt Danny Hübner. "Aber dass man sich was traut, finden sie gut."

Bisons, Zebus, Schnecken und ihre Besitzer bevölkern "Möglichkeitsräume". So nennt der Berliner Architekturkritiker Wolfgang Kil die Landschaften des Ostens. "Luxus der Leere" heißt sein Buch, das er 2004 schrieb. "Sollte also neues Denken tatsächlich einmal gelingen, könnte das Herausfallen ganzer Landesteile aus den ökonomischen Verwertungszyklen vielleicht einmal in einem anderen Licht erscheinen. Da würde sie dann endlich schlagen, die Stunde der Geduldigen, die sich nicht dem scheinbar Notwendigen beugen, sondern die Chance zum Experimentieren freudig ergreifen, weil sie, statt überall leere Häuser und Brachen, lauter unerschlossene Möglichkeitsräume sehen."

Seine "Möglichkeitsräume" verstand er damals auch als staatlich umhegte Sonderzone Ost, in der durch Bürokratieabbau neue Pflänzchen gedeihen könnten. "Darauf würde ich heute nicht mehr setzen", meint Kil. "Dafür gab es ein Zeitfenster, das sich jetzt schon wieder schließt." Stattdessen propagiert er nun die "Grauzone" privater Initiative. Weder Falk Selka noch die Schneckenzüchter im Vogtland haben Förderung oder auch nur Verständnis von den Behörden bekommen, sie haben es aber auch nicht erwartet. Sie haben einfach angefangen. Nun schlage die Stunde derer, "die am ehesten bereit sind, ,Neue Länder' tatsächlich als Neuland zu denken", schreibt Kil.

Dieser Satz hat die Filmemacher Holger Lauinger und Daniel Kunle dazu inspiriert, auf einer Reise durch den Osten die Pflänzchen des Aufbruchs zu suchen. "Neuland", heißt ihr Dokumentarfilm, der gerade mit seinen Machern durch die Programmkinos und Kulturzentren der Bundesrepublik tourt. Die beiden Anfang 30-Jährigen, die aus Süddeutschland nach Berlin kamen, versuchten eine Bestandsaufnahme zwischen allgegenwärtigem Niedergang und zart erblühenden Nischen. Auch Falk Selka und die Schneckenzüchter aus Oelsnitz haben sie besucht. Und Andreas Tornow, der im mecklenburgischen Dorf Varchentin nahe der Müritz lebt und auf Biomasse setzt.

Tornow hat gerechnet: 150 000 Euro pro Jahr können die Mineralölkonzerne aus einem 200-Einwohner-Dorf herausziehen, "ohne dass jemand etwas davon hat", erklärt er in seinem breiten Mecklenburgisch. Varchentin hat sich jetzt abgekoppelt. "Alles, was heizt, mit Holz, alles, was fährt, mit Rapsöl." Tornow hofft auf Wertschöpfung durch dezentrale Biomasse-Anlagen: "Es ist so eine ähnliche Stimmung wie 1990, eine Aufbruchsstimmung. Der Energiemarkt öffnet sich vor unseren Augen, er beginnt am nächsten Strommast, und die müssen mir das auch noch alles abkaufen. Wenn das nicht funktioniert, ich weiß nicht, was in diesem Land noch gehen soll!", ruft er.

20 Protagonisten haben Lauinger und Kunle befragt; die Hoffnungsvollen kommen in der zweiten Hälfte des Films zu Wort, zuerst zeigen sie die Desillusionierten. "Bleibe ich jetzt den Rest meines Lebens hier? Da gehe ich doch unter", sagt ein Junge in Bitterfeld. "Hier sind die Leute alle weg, die in der Lage sind, nach vorne zu denken, querzudenken", beklagt sich Karin Fahnert, die in Wolfen ein Kino betreibt. "Niveau werden Sie sich hier nicht leisten können", bekam sie von der Bürgermeisterin zu hören.

"Von der Aufbruchsstimmung, die wir im Film zeigen wollten, war auf unserer Reise durch den Osten relativ wenig zu merken", räumt Holger Lauinger ein. Aber es gibt diese Aufbrüche, und wir wollen den Leuten Mut machen, indem wir sie aus ihrer Vereinzelung zusammenbringen in einem Film."

"Raumpioniere" nennt Ulf Matthiesen vom Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner bei Berlin Menschen, die in den Orten des Niedergangs neue Möglichkeiten sehen. Politiker und große Unternehmen kämen mit dem ländlichen Ostdeutschland offensichtlich nicht zurecht, bemängelt er. Landespolitiker, zum Beispiel in Brandenburg, hoffen auf "Wachstumskerne" in einigen größeren Städten und haben für die Peripherie neben Landwirtschaftssubventionen nur die Pendelei über große Entfernungen im Angebot. Raumpioniere versuchen hingegen etwas vor Ort, obwohl ihre Ideen oftmals erst einmal belächelt werden. "Sie beschreiten neue Wege", sagt er. "Sie sind wie Trüffelschweine." Von "menschlichen Wünschelrouten" spricht Matthiesen - und benennt zugleich die Hürden, an denen viele seiner Pioniere scheitern werden: Zu viele bauen und wursteln noch allein vor sich hin. Und viele halten sich an allzu kleinen Träumen fest, die keine Krise überstehen können. "Es müssen Netze entstehen, die eine kritische Masse erreichen. Designer, ostelbische Adlige und Ökolandwirte müssen zusammenfinden."

Andreas Willisch ist Raumpionier und Wissenschaftler in einer Person. Auch er hat vorher dort nicht gesehene Tiere auf ostdeutsche Weiden gebracht, betreibt einen Biohof mit Galloway-Rindern. Zugleich forscht er als Soziologe im Thünen-Institut im mecklenburgischen Bollewick. Er fasst die Lage zusammen: "Wir haben eine Gesellschaft der Leere und der Langeweile." Ein-Euro-Jobs und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen "simulieren nur Arbeit, die keiner braucht. Wir halten die Leute in einem gesellschaftlichen Spiel, dessen Grundlagen erodieren. Aber wir sind doch eine moderne Gesellschaft, wir wollen doch selbstständige Menschen."

Da könnte es besser sein, legen Lauinger und Kunle nahe, die Regeln selbst zu schreiben. Wie die Kommune in der ehemaligen Puppenfabrik im thüringischen Waltershausen. Dort steht der aus Westdeutschland zugezogene Jürgen Hör vor dem großen Heizkessel und ruft freudestrahlend: "Wir verheizen hier gerade das alte Rathaus." Neben ihm sitzt Lothar Mentz, der immer schon im Ort wohnte und jetzt bei den Kommunarden eingezogen ist, nachdem er mitbekam, dass es den Neuen nicht um "Hasch und Gruppensex" ging. Er lebte allein und hatte Angst vor dem Älterwerden. "Hier klopfen die morgens an meine Tür, wenn ich nicht zum Frühstück komme", sagt er.

Falk Selka kann von seinen Bisons leben. Das meiste Geld macht er mit dem Verkauf von Jungbullen an andere Züchter und Hobby-Bisonhalter. 30 bis 50 Tiere schießt er pro Jahr, das Fleisch wird bundesweit an Restaurants verschickt und im Hofladen verkauft. Er lobt das Fleisch in den höchsten Tönen, zarter und magerer als Rindfleisch sei es, reich an Zink und Selen. Doch mit Fleisch aus dem Discounter können seine Preise nicht mithalten. "Geiz ist eben geil", seufzt Selka. "Die Gastronomen sagen mir, die Leute kämen nicht mehr. Natürlich, wenn sie ihren Gästen nichts bieten." Dennoch wird es weitergehen. In seiner Grillhütte wendet Selka das Bisonfleisch für Reisegruppen, redet und redet, agitiert und überzeugt. Am Ende kriegt er sie alle. Selka ist stur genug und schließlich Pionier auf seinem Gebiet.

Danny Hübner und Daniel Weller dagegen denken ans Aufgeben. "Wir hatten viele unvorhergesehene Probleme", sagt Weller. Das Wetter zu unbeständig, der Schneckennachwuchs unter den Erwartungen. Noch aber halten sie an ihrer Idee fest.

Als Schlussbild zeigt Holger Lauingers und Daniel Kunles Film ein Holzschiff auf einem Spielplatz, dahinter eine weite mecklenburgische Wiese. Die Sonne geht unter, ein Mädchen hisst ein Segel. Überall ist es besser als hier. Die Fahrt könnte beginnen. Holger Lauinger aber wird nachdenklich: "Die Leute, die es hier schaffen, sind sehr aktiv, sehr kreativ. Aber was ist mit den anderen? Müssen jetzt alle kreativ und unternehmerisch sein?"

Wolfgang Kil wird unruhig. "Wir brauchen jeden, der in diesen Gegenden etwas macht!", sagt er, egal ob Zuzügler oder Einheimische. Es geht ihm auch um die Stimmung. Immer mehr Menschen im ländlichen Osten fühlen sich als Restbevölkerung, als überflüssig, schotten sich ab vor dem Fernseher. Jedes Beispiel des Aufbruchs strahlt dann umso weiter aus.

Jan Sternberg