StadtBauwelt 173| 2007

Neuland | Reisebericht aus der ostdeutschen Transformationslandschaft

Wo leben wir eigentlich?, fragt die Stimme zu Beginn des Films. Die Kamera filmt aus dem Zug, Dörfer und Wiesen sausen vorbei, Industrieanlagen mit eingeschlagenen Scheiben, aufgegebene Bahnhöfe, Schutthaufen, in denen Bagger wühlen - der Osten wie ihn viele kennen: sterbende Orte, wo der Wind durch die Abrisslücken pfeift und der Sparkassenbus einmal die Woche hält. Dann filmt sie den Bürgermeister aus Neulietzegöricke, dessen Dorf für „jede Sorte von Kolonisten offen ist", den Hartz4-Ladeninhaber in Weißenfels, für den die Stimmung am Boden ist, den Arbeitslosen aus Jüterbog, auf dessen T-Shirt „Die Überflüssigen" steht, die Kinobetreiberin in Wolfen, die keine Pornos zeigen will, um das Niveau zu halten, den Projektleiter vom Kraftwerk Plessa, der von einer Erlebnisbrauerei träumt, die Schneckenzüchter vom Vogtland, die glauben, dass man nicht einfach die Hand aufhalten kann, die Bewohner der Kommune Waltershausen, die in einer ehemaligen Puppenfabrik leben, und viele andere... Sie erzählen von ihren Problemen und wie sie nach Lösungen suchen, sein klagen über die deutschen Gesetze, die ihre Überlebensstrategien immer wieder ausbremsen und über die Unbeweglichkeit vieler Bürgermeister.

Im Vergleich zu ihrem ersten Film „Nicht-Mehr | Noch-Nicht" geht es dem Journalisten Holger Lauinger und dem Filmemacher Daniel Kunle bei „Neuland" weniger um die verschwindende Bausubstanz in Ostdeutschland, als vielmehr um die Menschen, die dort leben. Deren Geschichten, die die beiden einfühlsam und mit überzeugender Glaubwürdigkeit in dem 75-Minuten-Streifen vereinen, geben viele Antworten auf die Frage, warum im Osten ganze Landstriche aussterben und warum dennoch Menschen bleiben wollen. Und sie zeigen, dass es manchmal gar keiner Kulturarbeiter bedarf, die, mit Kunstprojektgeldern ausgestattet, die Provinzler auf neue Ideen bringen wollen. Derer gibt es nämlich so einige.

Die Filmemacher betrachten ihre Arbeit als Diskussionsgrundlage, mit der sie nun auf die Reise gehen wollen. Ihnen ist ein Publikum zu wünschen, das sich seine Meinung bisher anhand einseitiger oder skandalorientierter Berichterstattung gebildet hat und bereit ist, diese zu überprüfen.

Friederike Meyer