taz . 15.03.07

Schnecken schmecken

Holger Lauinger und Daniel Kunle haben eine Reise durchs ländliche Ostdeutschland unternommen. In ihrem Dokumentarfilm "Neuland" zeigen sie die kleinen Hoffnungsschimmer einer Gesellschaft im Niedergang


Einen kleinen Teil seines Kapitals hat Danny Hübner schon selbst aufgegessen. "Schmeckt nussig", behauptet der junge Mann mit Pferdeschwanz und karierter Arbeitsjacke. "Aber ein Steak ist mir lieber." Danny Hübner züchtet Weinbergschnecken an einem Hang in Oelsnitz im Vogtland. Er will von den Schnecken leben, zusammen mit seinem Kumpel Daniel Weller. Die beiden haben BWL studiert und fanden dann keinen Job in Sachsen. Jetzt verschicken sie Schnecken an Spezialitätenhändler in Italien. "Heimlich lachen die Leute hier wahrscheinlich über uns", glaubt Danny Hübner. "Aber dass man sich was traut, finden sie gut."

In den Dörfern Ostdeutschlands finden Pioniere ihre Nische. Hier gibt es genügend Platz - in Landstrichen, die von der Politik bereits abgeschrieben sind, in denen zusammen mit immer größeren Teilen der Bevölkerung auch die Hoffnung ihre Koffer packt. "Möglichkeitsräume", hat das der Berliner Autor Wolfgang Kil vor drei Jahren in seinem Buch "Luxus der Leere" genannt. Von Kils Utopie beeinflusst, haben sich die Filmemacher Holger Lauinger und Daniel Kunle auf den Weg durch den Osten gemacht. "Neuland" heißt ihr Film, der diesen Weg dokumentiert.

Zu ihren Protagonisten gehört auch Falk Selka: Er hält Bisons in einer ehemaligen Tagebau-Halde in Neukieritzsch bei Leipzig. Selka hat lange Jahre in Kanada gelebt, nach dem Unfalltod seiner Frau kehrte er nach Sachsen zurück und brachte die zotteligen Präriekönige mit. Das meiste Geld macht Selka mit dem Verkauf von Jungbullen an andere Züchter und Hobby-Bisonhalter. 30 bis 50 Tiere schießt er pro Jahr, das Fleisch wird an Restaurants verschickt und im Hofladen verkauft.

"Neuland" ist der zweite Film von Lauinger und Kunle. In ihrem Erstling "Nicht mehr - noch nicht" haben sie sich mit Zwischennutzungen in der Stadt beschäftigt, jetzt fahren sie raus. Sie halten die Kamera aus dem Zugfenster und zeigen ein zerbröselndes Industriezeitalter. Der Ausgangspunkt für ihren Film war das Postulat von den "gleichwertigen Lebensverhältnissen", wie es im Grundgesetz steht. In der ostdeutschen Peripherie ist dieser Anspruch aber ebenso zerborsten wie die Fenster der Bahnhofshallen.

Für diese Erkenntnis allein hätte es natürlich des Films weiß Gott nicht bedurft. Aber Lauinger und Kunle wollen eine Gesellschaft zeigen, in der es Neues geben muss, damit vom Alten die Reste gerettet werden können. Sie trommeln für einen "sozial-ökologischen Umbau", ihr Film soll eine Stimmung des Aufbruchs erzeugen. 20 Protagonisten haben Lauinger und Kunle dafür befragt, vor den Hoffnungsvollen kommen die Desillusionierten zu Wort. "Bleibe ich jetzt den Rest meines Lebens hier? Da gehe ich doch unter", sagt ein Junge in Bitterfeld. Der Soziologe Andreas Willisch fasst die Lage zusammen: "Wir haben eine Gesellschaft der Leere und der Langeweile. Wir halten die Leute in einem gesellschaftlichen Spiel, dessen Grundlagen erodieren." Da könnte es besser sein, legt "Neuland" nahe, die Regeln selbst zu machen.

Dass sie nur Fragmente der Realität zeigen, ist Lauinger und Kunle bewusst. Auch, dass viele ihrer Helden, die Neuland beschreiten, scheitern könnten - die beiden Schneckenzüchter denken inzwischen wieder ans Aufgeben. Mit ihrem Film wollen sie touren, kündigte Holger Lauinger an und freut sich auf Diskussionen. Dann aber wird er nachdenklich: "Die Leute, die es schaffen, sind sehr aktiv, sehr kreativ. Aber was ist mit den anderen? Müssen jetzt alle kreativ und unternehmerisch sein?"

Jan Sternberg