Märkische Allgemeine . 14.3.07

"... dass man sich was traut"

Der Dokumentarfilm "Neuland" zeigt die kleinen Aufbrüche im ländlichen Ostdeutschland

Die beiden Schornsteine des Kraftwerks Plessa (Elbe-Elster) sind mit ihren mehr als hundert Metern Höhe immer noch imposanter Blickfang im flachen Südbrandenburg. Aber sie sind längst kalt, 1992 ging das Braunkohlekraftwerk vom Netz. Inzwischen haben beide Kamine einen Deckel bekommen, am vorderen prangt das Wort "see" in weiß auf blauem Grund. Es ist das Logo der Internationalen Bauausstellung (IBA). Nachts wird es angeleuchtet. "Unsere beiden Schornsteine werden vielleicht die einzigen von rund 1000 in der gesamten Lausitz sein, die stehen bleiben", sagt Hajo Schubert. Der 55-Jährige mit imposantem Bauch und Backenbart war früher Gewerkschaftssekretär in West-Berlin, jetzt leitet er den Umbau der 80 Jahre alten Plessaer Industrieruine zum "Erlebniskraftwerk". Am 1. Mai 1927 wurde hier die erste Braunkohle verstromt, zum Jubiläum soll nach sechs Jahren Umbau die Zukunft eingeläutet werden. Das Datum ist symbolisch, für einen Ex-Gewerkschafter ohnehin. "Wir sollten den Tag der Arbeit in dieser Gegend an Orten feiern, an denen es vielleicht einmal wieder Arbeit gibt", sagt Schubert. "An Orten mit Zukunft."

Zu diesen Plätzen haben sich die Filmemacher Holger Lauinger und Daniel Kunle begeben. Für ihren Dokumentarfilm "Neuland" bereisten sie Landschaften, die noch immer ihrer einst versprochenen Blüte harren. Verlorene Flecken wie eben jenes Plessa, wo früher 300 Kraftwerker in Lohn und Brot standen. Dort hat Hajo Schubert 4,5 Millionen Euro aus Mitteln der Europäischen Union und der Braunkohlesanierung bekommen, jetzt will er Gasthausbrauerei, Energieberatung und weitere Firmen in die Kraftwerkshallen locken. Noch ist nichts davon da. Die ehemalige Kraftwerksköchin Sonja Tomschak führt als ABM-Kraft durch die Gebäude

Aber Hajo Schubert ist überzeugt vom nahenden Aufbruch. Genauso wie Andreas Tornow im mecklenburgischen Varchenthin. Der Gründer des Biomassehofes Müritz schwärmt von den Chancen erneuerbarer Energien. "Der Energiemarkt beginnt vor unseren Augen, er beginnt am nächsten Strommast, und die Konzerne müssen mir alles abkaufen", ruft er in seinem breiten Mecklenburgisch über die Weiden. "Es ist eine Aufbruchsstimmung wie 1990. Wenn das nicht funktioniert, ich weiß nicht, was in diesem Land noch gehen soll."

Danny Hübner und Daniel Weller züchten Weinbergschnecken, zwischen Plastezäunen an einem Hang in Oelsnitz im Vogtland. Die Schnecken gehen zu Spezialitätenhändlern nach Italien. "Heimlich lachen die Leute hier wahrscheinlich über uns", glaubt Danny Hübner. "Aber dass man sich was traut, finden sie gut." Einen kleinen Teil seines Kapitals hat Danny Hübner einmal probiert. "Schmeckt nussig", sagt der junge Mann mit Pferdeschwanz . "Aber ein Steak ist mir lieber."

Die Nischen des Ostens

Falk Selka setzt auf größere Tiere: Er hält rund hundert Bisons auf rekultivierten Flächen am Rande eines Braunkohle-Tagebaus in Neukieritzsch bei Leipzig. Selka hat lange Jahre in Kanada gelebt, dort ein Blockhaus-Hotel betrieben. Dann kehrte er nach Sachsen zurück und brachte den zotteligen König der Prärien mit. Er kann von den Bisons leben. Das meiste Geld macht Selka mit dem Verkauf von Jungbullen an andere Züchter und Hobby-Bisonhalter. 30 bis 50 Tiere schießt er pro Jahr, das Fleisch wird an Restaurants verschickt und im Hofladen verkauft.

Schnecken, Bisons, Biomasse - in den Dörfern des Ostens finden Pioniere ihre Nische. Hier bietet sich ihnen genügend Platz, in Landstrichen, die von der Politik abgeschrieben sind, in denen mit den Menschen auch die Hoffnung ihre Koffer packt. "Möglichkeitsräume" hat dies der Autor Wolfgang Kil vor drei Jahren in seinem Buch "Luxus der Leere" genannt. Von Kils Utopie beeinflusst, haben sich die Filmemacher Holger Lauinger und Daniel Kunle auf den Weg durch den Osten gemacht. Von "Neuland denken" hatte Kil geschrieben. Hajo Schubert, Danny Hübner oder Andreas Tornow sind nur einige der vielen Protagonisten in "Neuland".

Es ist ihr zweiter Film. In ihrem Erstling "Nicht mehr - noch nicht" haben sie sich mit Zwischennutzungen in der Stadt beschäftigt, jetzt gehen sie mit der Kamera aufs Land. Die wird aus dem Zugfenster gehalten und zeigt zerbröselnde Industrieanlagen, vernagelte Bahnhofsfenster. Ausgangspunkt ist das Grundgesetz-Postulat von den "gleichwertigen Lebensverhältnissen". In der ostdeutschen Peripherie ist dieser Anspruch ebenso zerborsten wie es die Fenster der Bahnhofshallen sind. Für diese Erkenntnis hätte es des Films nicht bedurft. Aber Lauinger und Kunle wollen eine Gesellschaft zeigen, in der es Neues geben muss, damit vom Alten die Reste gerettet werden können. Sie stellen die Frage: "Wo leben wir eigentlich?" und trommeln für einen "sozial-ökologischen Umbau".

Ein Rathaus zum Verheizen

Der Film ist so angelegt, dass er auch selbst eine Stimmung des Aufbruchs erzeugt. 20 Protagonisten haben Lauinger und Kunle befragt, die Hoffnungsvollen kommen in der zweiten Hälfte zu Wort, zuerst zeigen sie die Desillusionierten. "Bleibe ich jetzt den Rest meines Lebens hier? Da gehe ich doch unter", sagt ein Junge in Bitterfeld. Der Soziologe Andreas Willisch fasst die Lage zusammen: "Wir haben eine Gesellschaft der Leere und der Langeweile. Wir halten die Leute in einem gesellschaftlichen Spiel, dessen Grundlagen erodieren."

Da könnte es besser sein, legt "Neuland" nahe, die Regeln selbst zu schreiben. In einer Kommune in der ehemaligen Puppenfabrik im thüringischen Waltershausen steht Jürgen Hör vor dem großen Heizkessel und ruft freudestrahlend: "Wir verheizen gerade das alte Rathaus." Neben ihm sitzt Lothar Mentz, der immer schon im Ort wohnte. Er lebte allein und hatte Angst vor dem Älterwerden. "Hier klopfen die morgens an meine Tür, wenn ich nicht zum Frühstück komme", sagt er.

Dass sie nur Fragmente der Realität zeigen, ist Lauinger und Kunle bewusst. Auch, dass viele ihrer Helden des "Neuen" schnell scheitern können. Die beiden Schneckenzüchter denken inzwischen ans Aufgeben. Mit ihrem Film wollen sie touren, kündigte Holger Lauinger an. Dann aber wird er nachdenklich: "Die Leute, die es schaffen, sind sehr aktiv, sehr kreativ. Aber was ist mit den anderen? Müssen jetzt alle kreativ und unternehmerisch sein?"

(Jan Sternberg)